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Robert Louis Stevenson

Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde

The Strange Case of Dr. Jekyll and Mr. Hyde · 1886 · Lesezeit ca. 2 std 5 min

Kapitel 1

Die Geschichte der Tür

Lesezeit ca. 12 min

Mr. Utterson, der Anwalt, war ein Mann von schroffem Antlitz, das nie von einem Lächeln erhellt wurde. Kalt, unnahbar, und verlegen im Gespräch. Zurückhaltend mit seinen Gefühlen; schlank, lang, staubig, trist und doch irgendwie liebenswert. Bei freundschaftlichen Begegnungen und wenn der Wein seinem Geschmack entsprach, strahlte aus seinem Auge etwas überaus Menschliches. Etwas, das zwar nie in seine Rede einfloss, das aber nicht nur in diesen stummen Zeichen des Gesichts nach dem Essen, sondern häufiger und lauter in den Handlungen seines Lebens sprach. Er war streng mit sich selbst. Trank Gin, wenn er allein war, um seine Vorliebe für Weine zu kasteien, und obwohl er das Theater genoss, hatte er seit zwanzig Jahren keines mehr betreten. Aber er hatte Toleranz für andere. Manchmal staunte er, fast mit Neid, über den Übermut, der mit ihren Missetaten verbunden war, und in der äußersten Not neigte er dazu, eher zu helfen als zu tadeln. »Ich tendiere zu Kains Ketzerei«, pflegte er zu sagen. »Ich lasse meinen Bruder auf seine Weise zum Teufel gehen.« In dieser Eigenschaft war es häufig sein Schicksal, die letzte seriöse Bekanntschaft und der letzte gute Einfluss im Leben der absteigenden Menschen zu sein. Und solange sie seine Kanzlei aufsuchten, änderte sich sein Benehmen gegenüber diesen Menschen nicht.

Zweifellos fiel Mr. Utterson dieses Kunststück leicht, denn er war im besten Fall unaufdringlich. Selbst seine Freundschaft schien in einer ähnlichen katholischen Gutmütigkeit begründet zu sein. Es ist das Kennzeichen eines bescheidenen Mannes, dass er seinen Freundeskreis gebrauchsfertig aus den Händen der Gelegenheit akzeptiert, und das war die Art des Anwalts. Seine Freunde waren die seines eigenen Blutes oder die, die er am längsten kannte. Seine Zuneigung war, wie der Efeu, das Wachstum der Zeit – sie setzte keine Eignung des Objekts voraus. Daher wohl auch das Band, das ihn mit Mr. Richard Enfield vereinte. Seinem entfernten Verwandten, einem wohlbekannten Mann in der Stadt. Für viele war es ein Rätsel, was diese beiden ineinander sahen oder was sie gemeinsam hatten. Diejenigen, die ihnen bei ihren sonntäglichen Spaziergängen begegneten, berichteten, dass sie nichts sagten, außerordentlich trist aussahen und mit offensichtlicher Erleichterung das Erscheinen eines Freundes begrüßten. Trotzdem legten die beiden Männer größten Wert auf diese Ausflüge, betrachteten sie als das wichtigste Juwel jeder Woche und schoben nicht nur Gelegenheiten zum Vergnügen beiseite, sondern widerstanden sogar dem Ruf der Geschäfte, um sie ungestört genießen zu können.

Bei einem dieser Spaziergänge führte sie ihr Weg zufällig in eine Seitenstraße in einem belebten Viertel von London. Die Straße war klein und sozusagen ruhig, aber an den Wochentagen herrschte reger Handel. Den Einwohnern schien es gut zu gehen, und alle hofften inständig, noch besser abzuschneiden. Sie legten den Überschuss ihrer Körner in Koketterie aus, sodass die Ladenfronten entlang dieser Durchgangsstraße einladend wirkten, wie Reihen lächelnder Verkäuferinnen. Sogar am Sonntag, wenn sie ihre blühenden Reize verbarg und verhältnismäßig leer war, leuchtete die Straße im Kontrast zu ihrer schmutzigen Nachbarschaft wie ein Feuer im Wald. Und mit ihren frisch gestrichenen Fensterläden, dem gut polierten Messing und der allgemeinen Sauberkeit und Fröhlichkeit fiel sie dem Reisenden sofort ins Auge und gefiel ihm.

Zwei Türen von einer Ecke entfernt, auf der linken Seite in Richtung Osten, wurde die Linie durch die Einfahrt eines Hofes unterbrochen. Genau an diesem Punkt drängte ein finsterer Gebäudeblock mit seinem Giebel auf die Straße. Er war zweistöckig, hatte kein Fenster; nur eine Tür im unteren Stockwerk und eine blinde Stirn aus verfärbtem Mauerwerk im oberen, und trug in jeder Hinsicht die Spuren langwieriger und schäbiger Vernachlässigung. Die Tür, die weder eine Klingel noch einen Türklopfer besaß, war blasig und verwahrlost. Landstreicher schlichen sich in die Nische und zündeten Streichhölzer an den Paneelen an; Kinder trieben auf der Treppe ihr Unwesen; der Schuljunge hatte sein Messer an den Zierleisten ausprobiert, und seit fast einer Generation war niemand erschienen, um diese zufälligen Besucher zu vertreiben oder ihre Verwüstungen zu beheben.

Mr. Enfield und der Anwalt befanden sich auf der anderen Seite der Straße. Als sie auf gleiche Höhe mit dem Eingang kamen, hob ersterer seinen Gehstock und zeigte auf ihn.

»Ist Ihnen diese Tür jemals aufgefallen?«, fragte er, und als sein Begleiter dies bejahte, sagte er: »Sie ist in meiner Erinnerung mit einer sehr merkwürdigen Geschichte verbunden.«

»Tatsächlich?«, sagte Mr. Utterson mit einer leichten Veränderung seiner Stimme, »was war?«

»Nun, es war so«, erwiderte Mr. Enfield. »Ich kam an einem schwarzen Wintermorgen gegen drei Uhr von einem Ort am Ende der Welt nach Hause. Mein Weg führte durch einen Teil der Stadt, in dem buchstäblich nichts zu sehen war außer Lampen. Eine Straße nach der anderen, und alle Leute schliefen – eine Straße nach der anderen, alle beleuchtet wie für einen Festzug und alle so leer wie eine Kirche – bis ich schließlich in jenen Zustand geriet, in dem ein Mann lauscht und lauscht und sich nach dem Anblick eines Polizisten zu sehnen beginnt. Auf einmal sah ich zwei Gestalten: einen kleinen Mann, der mit gutem Schritt ostwärts stapfte, und ein Mädchen von vielleicht acht oder zehn Jahren, das so schnell es konnte eine Querstraße hinunterlief.

Nun, Sir, die beiden stießen natürlich an der Ecke zusammen. Und dann kam der schreckliche Teil der Sache. Der Mann trampelte seelenruhig über den Körper des Kindes und ließ es schreiend am Boden liegen. Es hört sich nach nichts an, aber es war ein höllischer Anblick. Er war nicht wie ein Mann; er war wie ein verdammter Moloch. Ich gab ein paar Hallöchen von mir, machte mich auf die Socken, schnappte mir meinen Herrn und brachte ihn dorthin zurück, wo sich bereits eine ganze Gruppe um das schreiende Kind versammelt hatte. Er war vollkommen kühl und leistete keinen Widerstand, warf mir aber einen Blick zu, der so hässlich war, dass er mir den Schweiß auf die Stirn trieb. Die Leute, die sich eingefunden hatten, waren die Familie des Mädchens. Bald darauf erschien auch der Arzt, zu dem sie geschickt worden war.

Nun, dem Kind ging es nicht viel schlechter. Es war eher verängstigt, wie man dem Knochensäger entnehmen konnte, und man hätte annehmen können, dass es damit ein Ende haben würde. Aber es gab einen merkwürdigen Moment. Ich hatte auf den ersten Blick eine Abneigung gegen meinen Herrn entwickelt. Die Familie des Kindes ebenso, was nur natürlich war. Aber der Ausdruck des Arztes war das, was mir auffiel. Er war der übliche trockene Apotheker, ohne besonderes Alter und Hautfarbe, mit einem starken edinburgher Akzent und ungefähr so emotional wie ein Dudelsack. Nun, Sir, er war wie der Rest von uns. Jedes Mal, wenn er meinen Gefangenen ansah, sah ich, wie dieser Knochensäger krank und weiß vor Verlangen wurde, ihn zu töten. Ich wusste, was in ihm vorging, genauso wie er wusste, was in mir vorging, und da Töten nicht in Frage kam, taten wir das Nächstbeste.

Wir sagten dem Mann, wir könnten und würden einen solchen Skandal daraus machen, dass sein Name von einem Ende Londons zum anderen stinken würde. Wenn er irgendwelche Freunde oder einen Kredit hätte, würden wir dafür sorgen, dass er sie verlieren würde. Und die ganze Zeit, während wir die Sache auf die Spitze trieben, hielten wir die Frauen von ihm fern, so gut wir konnten, denn sie waren wild wie Harpyien. Ich habe noch nie einen Kreis von so hasserfüllten Gesichtern gesehen. Und da stand der Mann in der Mitte, mit einer Art von schwarzer, höhnischer Kühle – auch verängstigt, das konnte ich sehen – aber er trug es vor, Sir, wirklich wie Satan. ›Wenn Sie aus diesem Unfall Kapital schlagen wollen‹, sagte er, ›bin ich natürlich hilflos. Ich bin kein Gentleman, möchte aber eine Szene vermeiden‹, sagte er. ›Nennen Sie Ihren Betrag.‹ Nun, wir haben ihn auf hundert Pfund für die Familie des Kindes festgeschraubt. Er hätte sich natürlich gern herausgehalten, aber wir hatten alle etwas an uns, das Unheil bringen wollte, und schließlich schlug er ein.

Als Nächstes galt es, das Geld zu besorgen, und was glauben Sie, wohin er uns führte, außer zu dem Ort mit der Tür? Er holte einen Schlüssel heraus, ging hinein und kam bald darauf mit zehn Pfund in Gold und einem Scheck über den Restbetrag zurück. Zahlbar an den Inhaber und unterschrieben mit einem Namen, den ich nicht erwähnen kann, obwohl er einer der Punkte meiner Geschichte ist. Aber es war ein Name, der zumindest sehr bekannt und oft gedruckt war. Der Betrag stand fest, aber die Unterschrift war für mehr gut, wenn sie nur echt war. Ich erlaubte mir, meinen Herrn darauf hinzuweisen, dass die ganze Angelegenheit zweifelhaft aussah, und dass ein Mann im wirklichen Leben nicht um vier Uhr morgens durch eine Kellertür geht und mit dem Scheck eines anderen Mannes über fast hundert Pfund herauskommt. Aber er war ganz locker und höhnisch. ›Beruhigen Sie sich‹, sagte er, ›ich bleibe bei Ihnen, bis die Banken öffnen, und löse den Scheck selbst ein‹.

So machten wir uns alle auf den Weg: der Arzt, der Vater des Kindes, unser Freund und ich. Wir verbrachten den Rest der Nacht in meinen Räumen. Am nächsten Tag, nachdem wir gefrühstückt hatten, gingen wir alle zusammen zur Bank. Ich gab den Scheck selbst ab und sagte, ich hätte allen Grund zur Annahme, dass er gefälscht sei. Aber nichts davon. Der Scheck war echt.«

»Dz-dz«, sagte Mr. Utterson.

»Ich sehe, Sie denken wie ich«, sagte Mr. Enfield. »Ja, es ist eine schlimme Geschichte. Denn mein Mann war ein Kerl, mit dem niemand etwas zu tun haben konnte, ein wirklich verdammenswerter Mann. Und derjenige, der den Scheck ausgestellt hat, ist ein Paradebeispiel für Anstandsformen. Berühmt, und (was es noch schlimmer macht) einer von Ihren Leuten, die das tun, was man gut nennt. Erpressung, nehme ich an. Ein ehrlicher Mann, der für einige der Kapriolen seiner Jugend tief in die Tasche greifen muss. Black Mail House nenne ich den Ort mit der Tür, folglich. Aber selbst das erklärt bei weitem nicht alles«, fügte er hinzu und verfiel mit diesen Worten in eine Stimmung des Grübelns.

Er wurde von Mr. Utterson mit einer plötzlichen Frage zurückgerufen: »Und Sie wissen nicht, ob der Aussteller des Schecks dort wohnt?«

»Ein wahrscheinlicher Ort, nicht wahr?«, erwiderte Mr. Enfield. »Aber ich habe mir zufällig seine Adresse gemerkt; er wohnt an irgendeinem Platz.«

»Und Sie haben nie nach dem Ort mit der Tür gefragt?«, fragte Mr. Utterson.

»Nein, Sir. Ich hatte zu viel Taktgefühl«, war die Antwort. »Ich habe eine entschiedene Ansicht bezüglich des Fragenstellens; das hat zu viel von der Art des Jüngsten Gerichts an sich. Wenn man eine Frage stellt, ist es, als würde man einen Stein werfen. Man sitzt ruhig auf dem Gipfel eines Hügels; der Stein fliegt los und bringt andere Steine ins Rollen, und schon wird irgendein biederer alter Vogel (der letzte, an den Sie gedacht hätten) in seinem eigenen Garten am Kopf getroffen, und die Familie muss ihren Namen ändern. Nein, Sir, ich habe eine Regel: Je mehr es nach Queer Street aussieht, desto weniger frage ich.«

»Auch eine sehr gute Regel«, sagte der Anwalt.

»Aber ich habe mir das Haus selbst angesehen«, fuhr Mr. Enfield fort. »Es scheint kaum ein Haus zu sein. Es gibt keine andere Tür, und niemand geht durch diese Tür ein oder aus, außer ab und zu der Herr meines Abenteuers. Im ersten Stock gibt es drei Fenster, die auf den Hof blicken, darunter keines. Die Fenster sind immer geschlossen, aber sie sind sauber. Und dann gibt es noch einen Schornstein, aus dem es normalerweise raucht. Also muss dort jemand wohnen. Und doch ist es nicht sicher. Denn die Gebäude stehen so dicht um den Hof herum, dass man schwer sagen kann, wo eines aufhört und ein anderes beginnt.«

Die beiden gingen eine Weile schweigend weiter, und dann sagte Mr. Utterson: »Enfield, das ist eine gute Regel von Ihnen.«

»Ja, ich denke, das ist sie«, erwiderte Enfield.

»Aber trotzdem«, fuhr der Anwalt fort, »möchte ich noch eine Frage stellen: Ich möchte den Namen des Mannes erfahren, der über das Kind gelaufen ist.«

»Nun«, sagte Mr. Enfield, »ich wüsste nicht, welchen Schaden es anrichten sollte. Es war ein Mann mit dem Namen Hyde.«

»Hm«, sagte Mr. Utterson. »Was für eine Art von Mann ist er?«

»Er ist nicht leicht zu beschreiben. Mit seiner Erscheinung stimmt etwas nicht; etwas Unangenehmes, etwas geradezu Abscheuliches. Ich habe noch nie einen Mann gesehen, der mir so unsympathisch war, und doch weiß ich kaum, warum. Er muss irgendwo missgebildet sein. Er vermittelt ein starkes Gefühl der Missbildung, obwohl ich den Punkt nicht präzisieren könnte. Er ist ein ungewöhnlich aussehender Mann, und doch kann ich nichts davon an ihm erkennen. Nein, Sir; ich kann nichts damit anfangen; ich kann ihn nicht beschreiben. Und es liegt nicht am mangelnden Gedächtnis; denn ich erkläre, dass ich ihn in diesem Augenblick sehen kann.«

Mr. Utterson ging wieder ein Stück des Weges, schweigend und offensichtlich unter der Last des Nachdenkens. »Sind Sie sicher, dass er einen Schlüssel benutzt hat?«, erkundigte er sich schließlich.

»Mein lieber Herr …«, begann Enfield, völlig überrascht von sich selbst.

»Ja, ich weiß«, sagte Utterson; »ich weiß, dass es seltsam erscheinen muss. Wenn ich Sie nicht nach dem Namen der anderen Partei frage, dann deshalb, weil ich ihn bereits kenne. Sehen Sie, Richard, Ihre Geschichte ist angekommen. Wenn Sie in irgendeinem Punkt ungenau waren, sollten Sie sie besser korrigieren.«

»Ich denke, Sie hätten mich warnen können«, erwiderte der andere mit einem Anflug von Missmut. »Aber ich war pedantisch genau, wie Sie es nennen. Der Kerl hatte einen Schlüssel, und er hat ihn immer noch. Ich habe gesehen, wie er ihn vor nicht einmal einer Woche benutzt hat.«

Mr. Utterson seufzte tief, sagte aber kein Wort, worauf der junge Mann fortfuhr. »Hier ist eine weitere Lektion, nichts zu sagen«, sagte er. »Ich schäme mich für meine lockere Zunge. Lasst uns eine Abmachung treffen, dies nie wieder zu erwähnen.«

»Von ganzem Herzen«, sagte der Anwalt. »Darauf gebe ich Ihnen die Hand, Richard.«

Kapitel 2

Suche nach Mr. Hyde

Lesezeit ca. 14 min

An diesem Abend kam Mr. Utterson in düsterer Stimmung nach Hause in seine Junggesellenwohnung und setzte sich genusslos zum Abendessen. Es war seine Gewohnheit, am Sonntag nach dem Essen dicht am Feuer zu sitzen, einen Band mit einer trockenen theologischen Lektüre auf dem Lesepult, bis die Uhr der benachbarten Kirche zwölf schlug. Dann ging er nüchtern und dankbar zu Bett. In dieser Nacht jedoch nahm er, sobald der Tisch abgedeckt war, eine Kerze und ging in sein Geschäftszimmer. Dort öffnete er seinen Tresor, entnahm dem vertraulichsten Teil ein Dokument, auf dessen Umschlag »Dr. Jekylls Testament« geschrieben stand, und setzte sich mit gerunzelter Stirn hin, um den Inhalt zu studieren. Es handelte sich um ein handschriftliches Testament, denn Mr. Utterson hatte sich geweigert, auch nur die geringste Hilfe bei seiner Abfassung zu leisten, obwohl er jetzt, da es verfasst worden war, die Verantwortung dafür übernahm. Es sah nicht nur vor, dass im Falle des Ablebens von Henry Jekyll, M.D., D.C.L., LL.D., F.R.S., etc., alle seine Besitztümer in die Hände seines »Freundes und Wohltäters Edward Hyde« übergehen sollten, sondern auch, dass im Falle von Dr. Jekylls »Verschwinden oder unerklärlicher Abwesenheit für einen Zeitraum von mehr als drei Kalendermonaten« der besagte Edward Hyde ohne weitere Verzögerung in die Fußstapfen des besagten Henry Jekyll treten sollte, und zwar frei von jeglicher Belastung oder Verpflichtung – abgesehen von der Zahlung einiger kleiner Beträge an die Mitglieder des Haushalts des Doktors. Dieses Dokument war dem Anwalt schon lange ein Dorn im Auge. Es beleidigte ihn sowohl als Jurist als auch als Liebhaber der vernünftigen und traditionellen Seiten des Lebens, für den das Fantastische das Unanständige war. Bisher war es seine Unkenntnis über Mr. Hyde gewesen, die seine Empörung geschürt hatte. Jetzt, durch eine unerwartete Wendung, war es sein Wissen. Es war schon schlimm genug, als der Name nur ein Name war, über den er nicht mehr erfahren konnte. Noch schlimmer war es, als er anfing, ihn mit abscheulichen Attributen zu versehen, und aus den wandernden, substanzlosen Nebeln, die sein Auge so lange verwirrt hatten, sprang die plötzliche, eindeutige Vorstellung eines Ungeheuers hervor.

»Ich dachte, es sei Wahnsinn«, sagte er, als er das unangenehme Papier in den Safe legte, »und jetzt fürchte ich, es ist Schande.«

Mit diesen Worten blies er die Kerze aus, zog seinen Mantel an und machte sich auf den Weg zum Cavendish Square, der Zitadelle der Medizin, wo sein Freund, der bedeutende Dr. Lanyon, sein Haus hatte und seine Patienten in Scharen empfing. »Wenn es jemand weiß, dann ist es Lanyon«, hatte er gedacht.

Der Butler kannte und empfing ihn. Er wurde nicht lange aufgehalten, sondern direkt von der Tür ins Esszimmer geführt, wo Dr. Lanyon allein bei seinem Wein saß. Es handelte sich um einen herzlichen, gesunden, eleganten Herrn mit rotem Gesicht, vorzeitig weißem Haarschopf und einem ungestümen und entschlossenen Auftreten. Als er Mr. Utterson erblickte, sprang er von seinem Stuhl auf und begrüßte ihn mit beiden Händen. Die Freundlichkeit war, wie es die Art des Mannes war, etwas theatralisch, aber sie beruhte auf echten Gefühlen. Denn die beiden waren alte Freunde, alte Schul- und Studienkameraden, die sich selbst und den anderen sehr schätzten und, was nicht immer der Fall ist, die Gesellschaft des anderen sehr genossen.

Nach einem kurzen Gespräch kam der Anwalt auf das Thema zu sprechen, das ihn so unangenehm beschäftigte.

»Ich nehme an, Lanyon«, sagte er, »Sie und ich müssen die beiden ältesten Freunde sein, die Henry Jekyll hat?«

»Ich wünschte, die Freunde wären jünger«, kicherte Dr. Lanyon. »Aber ich nehme an, wir sind es. Und weiter? Ich sehe ihn kaum noch.«

»Ach ja?«, sagte Utterson. »Ich dachte, Sie hätten ein gemeinsames Interesse.«

»Hatten wir«, war die Antwort. »Aber es ist mehr als zehn Jahre her, dass Henry Jekyll für mich zu fantasievoll wurde. Er begann, sich auf falsche Wege zu begeben – falsch in seinem Verstand. Und obwohl ich mich natürlich weiterhin für ihn interessiere – um der alten Zeiten willen, wie man so schön sagt – sehe und habe ich verteufelt wenig von ihm gesehen. Solch unwissenschaftliches Geschwätz«, fügte der Doktor hinzu und errötete plötzlich purpurn, »hätte selbst Damon und Phintias entfremdet.«

Diese kleine Aufregung war eine gewisse Erleichterung für Mr. Utterson. »Sie haben sich nur in einem wissenschaftlichen Punkt unterschieden«, dachte er, und da er ein Mann ohne wissenschaftliche Neigungen ist (außer in der Frage der Eigentumsübertragung), fügte er hinzu: »Es gibt nichts Schlimmeres als das!« Er gab seinem Freund ein paar Sekunden Zeit, um sich zu erholen, und wandte sich dann der Frage zu, die er stellen wollte. »Sind Sie jemals einem Schützling von ihm begegnet – einem Hyde?«, fragte er.

»Hyde?«, wiederholte Lanyon. »Nein. Nie von ihm gehört.«

Das war die Menge an Informationen, die der Anwalt mit in das große, dunkle Bett nahm, auf dem er sich hin- und herwälzte, bis die frühen Morgenstunden anschwollen. Es war eine Nacht, die seinem gequälten Geist, der sich in der bloßen Dunkelheit abmühte und von Fragen belagert wurde, wenig Erleichterung verschaffte.

Die Glocken der Kirche, die so nahe an Mr. Uttersons Wohnung lag, schlugen sechs Uhr, und noch immer grübelte er an dem Problem. Bis jetzt hatte es ihn nur auf der intellektuellen Seite berührt. Aber jetzt war auch seine Vorstellungskraft involviert oder vielmehr versklavt. Und während er in der schweren Dunkelheit der Nacht und des mit Vorhängen verhangenen Zimmers lag und sich hin- und herwälzte, zog Mr. Enfields Geschichte vor seinem geistigen Auge in einer Reihe von beleuchteten Bildern vorbei.

Er sah das große Lichterfeld einer nächtlichen Stadt; dann die Gestalt eines Mannes, der schnell ging; dann ein Kind, das vom Arzt weglief, und dann trafen sie sich, und dieser menschliche Moloch trat das Kind nieder und ging weiter, ohne auf ihre Schreie zu achten. Oder er sah ein Zimmer in einem reichen Haus, in dem sein Freund schlafend dalag, träumte und über seine Träume lächelte, und dann wurde die Tür dieses Zimmers geöffnet, die Vorhänge des Bettes zerrissen, der Schläfer zurückgerufen, und siehe da, neben ihm stand eine Gestalt, der Macht gegeben war, und selbst in dieser toten Stunde musste er aufstehen und ihr Gebot erfüllen.

Die Gestalt in diesen beiden Phasen verfolgte den Anwalt die ganze Nacht. Und wenn er einmal einnickte, dann nur, um zu sehen, wie sie noch verstohlener durch die schlafenden Häuser glitt oder sich noch schneller und noch schneller, bis zum Schwindel, durch die weiten Labyrinthe der beleuchteten Stadt bewegte, und an jeder Straßenecke ein Kind zerquetschte und es schreiend zurückließ. Und doch hatte die Gestalt kein Gesicht, an dem er sie hätte erkennen können. Selbst in seinen Träumen hatte sie kein Gesicht, oder eines, das ihn verwirrte und vor seinen Augen zerfloss.

Und so entstand und wuchs in dem Geist des Anwalts eine seltsam starke, fast unmäßige Neugier, die Züge des wirklichen Mr. Hyde zu sehen. Wenn er ihn nur einmal zu Gesicht bekäme, so dachte er, würde sich das Mysterium aufhellen und vielleicht ganz verschwinden, wie es die Gewohnheit mysteriöser Dinge ist, wenn sie gut untersucht werden. Er könnte einen Grund für die seltsame Vorliebe oder Fesselung seines Freundes (wie auch immer man es nennen mag), und sogar für die erstaunliche Anweisung des Testaments sehen. Zumindest wäre es ein Gesicht, das es wert war, gesehen zu werden. Das Gesicht eines Mannes, der keine Gnade kannte. Ein Gesicht, das sich nur zu zeigen brauchte, um in der Seele des unbeeindruckbaren Enfield einen Geist des anhaltenden Hasses zu wecken.

Von diesem Zeitpunkt an begann Mr. Utterson, die Tür in der von Geschäften gesäumten Seitenstraße regelmäßig aufzusuchen. Morgens vor der Bürozeit; mittags, wenn auf den Straßen viel Betrieb und die Zeit knapp war; nachts im Angesicht des nebelverhangenen Stadtmondes. Bei allen Lichtern und zu allen Stunden der Einsamkeit oder des Gedränges, war der Anwalt auf dem von ihm gewählten Posten zu finden. »Wenn er Mr. Hyde ist«, hatte er gedacht, »werde ich Mr. Seek sein.«

Und endlich wurde seine Geduld belohnt. Es war eine schöne, trockene Nacht. Frost lag in der Luft. Die Straßen waren so sauber wie der Boden eines Ballsaals. Die Lampen, die von keinem Wind erschüttert wurden, zeichneten ein regelmäßiges Muster aus Licht und Schatten. Um zehn Uhr, als die Geschäfte geschlossen waren, war die Straße sehr einsam, und trotz des tiefen Brummens von London von überall her sehr still. Kleine Geräusche trugen weit. Häusliche Geräusche aus den Häusern waren auf beiden Seiten der Fahrbahn deutlich zu hören, und das Gerücht vom Herannahen eines Passanten eilte ihm lange Zeit voraus.

Mr. Utterson war schon einige Minuten auf seinem Posten, als er einen merkwürdigen leichten Schritt wahrnahm, der sich ihm näherte. Bei seinen nächtlichen Patrouillen hatte er sich längst an den seltsamen Effekt gewöhnt, mit dem die Schritte einer einzelnen Person, während sie noch weit entfernt war, plötzlich aus dem gewaltigen Summen und Klappern der Stadt hervortraten. Doch noch nie war seine Aufmerksamkeit so scharf und entschlossen gefesselt worden, und mit einer starken, abergläubischen Vorahnung auf Erfolg zog er sich in den Eingang des Hofes zurück.

Die Schritte kamen rasch näher und wurden lauter, als sie das Ende der Straße erreichten. Der Anwalt, der aus dem Eingang herausschaute, konnte bald erkennen, mit was für einem Mann er es zu tun hatte. Er war klein und sehr schlicht gekleidet. Sein Aussehen widersprach selbst auf diese Entfernung irgendwie stark der Neigung des Beobachters. Er ging geradewegs auf die Tür zu, überquerte die Fahrbahn, um Zeit zu sparen, und zog einen Schlüssel aus seiner Tasche, wie jemand, der nach Hause kommt.

Mr. Utterson trat heraus und berührte ihn im Vorbeigehen an der Schulter. »Mr. Hyde, glaube ich?«

Mr. Hyde wich mit einem zischenden Einatmen zurück. Aber seine Angst war nur von kurzer Dauer, und obwohl er dem Anwalt nicht ins Gesicht sah, antwortete er kühl: »Das ist mein Name. Was wollen Sie?«

»Ich sehe, Sie gehen hinein«, erwiderte der Anwalt. »Ich bin ein alter Freund von Dr. Jekyll – Mr. Utterson aus der Gaunt Street. Sie müssen meinen Namen schon gehört haben. Und da ich Sie passenderweise treffe, dachte ich, Sie könnten mich einlassen.«

»Sie werden Dr. Jekyll nicht finden; er ist nicht zu Hause«, antwortete Mr. Hyde und blies in den Schlüssel. Und dann plötzlich, aber immer noch ohne aufzublicken: »Woher kennen Sie mich?«, fragte er.

»Würden Sie mir Ihrerseits einen Gefallen tun?« sagte Mr. Utterson.

»Mit Vergnügen«, antwortete der andere. »Was soll es sein?«

»Würden Sie mich Ihr Gesicht sehen lassen?« fragte der Anwalt.

Mr. Hyde schien zu zögern und drehte sich dann, wie nach einer plötzlichen Überlegung um und konfrontierte ihn mit einem Anflug von Missachtung. Die beiden starrten sich ein paar Sekunden lang starr an.

»Jetzt werde ich Sie wiedererkennen«, sagte Mr. Utterson. »Das könnte nützlich sein.«

»Ja«, erwiderte Mr. Hyde, »es ist gut, dass wir uns getroffen haben, und apropos, Sie sollten meine Adresse haben.« Und er nannte die Nummer einer Straße in Soho.

»Großer Gott«, dachte Mr. Utterson, »kann er auch an das Testament gedacht haben?« Aber er behielt seine Gefühle für sich und grunzte nur, als er die Adresse zur Kenntnis nahm.

»Und nun«, sagte der andere, »wie haben Sie mich erkannt?«

»Durch eine Beschreibung.«

»Wessen Beschreibung?«

»Wir haben gemeinsame Freunde.«

»Gemeinsame Freunde«, wiederholte Mr. Hyde ein wenig heiser. »Und die wären?«

»Jekyll, zum Beispiel«, sagte der Anwalt.

»Er hat es Ihnen nicht gesagt«, rief Mr. Hyde mit einem Anflug von Wut. »Ich hätte nicht gedacht, dass Sie lügen würden.«

»Kommen Sie«, sagte Mr. Utterson, »das ist keine angemessene Ausdrucksweise.«

Der andere knurrte laut in ein wildes Lachen hinein. Im nächsten Augenblick hatte er, mit außergewöhnlicher Schnelligkeit, die Tür aufgeschlossen und war im Haus verschwunden.

Der Anwalt blieb noch eine Weile stehen, als Mr. Hyde ihn verlassen hatte – ein Bild der Beunruhigung. Dann begann er langsam die Straße hinaufzugehen, wobei er alle ein oder zwei Schritte innehielt und seine Hand an die Stirn legte, wie ein Mann in geistiger Verwirrung. Das Problem, mit dem er sich während des Gehens auseinandersetzte, war eines von der Sorte, die nur selten gelöst wird.

Mr. Hyde war blass und kleinwüchsig. Er machte einen deformierten Eindruck, ohne dass eine nennenswerte Missbildung vorlag. Er hatte ein unangenehmes Lächeln. Er hatte sich dem Anwalt gegenüber mit einer Art mörderischer Mischung aus Schüchternheit und Kühnheit präsentiert. Und er sprach mit einer heiseren, flüsternden und etwas gebrochenen Stimme. All das sprach gegen ihn. Aber nicht alles zusammen konnte den bisher unbekannten Ekel, die Abscheu und die Angst erklären, mit denen Mr. Utterson ihn betrachtete.

»Da muss noch etwas anderes sein«, sagte der verwirrte Herr. »Da ist noch etwas anderes, wenn ich nur einen Namen dafür finden könnte. Gott segne mich, der Mann scheint kaum menschlich zu sein! Beinahe troglodytisch, könnte man sagen. Oder kann es die alte Geschichte von Dr. Fell sein? Oder ist es die bloße Ausstrahlung einer verdorbenen Seele, die auf diese Weise ihren lehmigen Leib durchdringt und verklärt? Letzteres, denke ich. O mein armer alter Harry Jekyll, wenn ich jemals die Unterschrift Satans auf einem Gesicht gelesen habe, dann auf dem deines neuen Freundes.«

Um die Ecke der Seitenstraße befand sich ein Platz mit alten, stattlichen Häusern, die jetzt größtenteils verfallen waren und in Wohnungen und Zimmern an alle möglichen Leute vermietet wurden: Kartenzeichner, Architekten, zwielichtige Anwälte und Vertreter obskurer Unternehmen. Ein Haus jedoch, das zweite an der Ecke, war noch vollständig bewohnt. An der Tür dieses Hauses, das einen Hauch von Reichtum und Komfort verströmte, obwohl es jetzt bis auf das Oberlicht in Dunkelheit getaucht war, blieb Mr. Utterson stehen und klopfte. Ein gut gekleideter, älterer Diener öffnete die Tür.

»Ist Dr. Jekyll zu Hause, Poole?«, fragte der Anwalt.

»Ich werde nachsehen, Mr. Utterson«, sagte Poole und führte den Besucher in eine große, mit Fahnen gepflasterte, gemütliche Halle mit niedrigem Dach, die (nach der Art eines Landhauses) von einem hellen, offenen Feuer beheizt und mit kostbaren Eichenschränken ausgestattet war. »Wollen Sie hier am Feuer warten, Sir, oder soll ich Ihnen im Esszimmer Licht machen?«

»Hier, danke«, sagte der Anwalt, trat näher und lehnte sich an das hohe Kamingitter.

Dieser Saal, in dem er nun allein war, hatte es seinem Freund, dem Arzt, angetan, und Utterson selbst pflegte von ihm als dem angenehmsten Zimmer Londons zu sprechen. Aber heute Abend erschauderte sein Blut. Das Gesicht von Hyde lastete schwer auf seinem Gedächtnis. Er fühlte (was bei ihm selten war) eine Übelkeit und eine Abneigung gegen das Leben, und in seiner düsteren Stimmung schien er im Flackern des Feuerscheins auf den polierten Schränken und im unruhigen Auftauchen der Schatten an der Decke eine Bedrohung zu erkennen. Er schämte sich seiner Erleichterung, als Poole zurückkam, um zu verkünden, dass Dr. Jekyll ausgegangen war.

»Ich sah Mr. Hyde durch den alten Sezierraum hineingehen, Poole«, sagte er. »Ist das richtig, wenn Dr. Jekyll nicht zu Hause ist?«

»Ganz recht, Mr. Utterson, Sir«, antwortete der Diener. »Mr. Hyde hat einen Schlüssel.«

»Ihr Herr scheint sehr viel Vertrauen in diesen jungen Mann zu setzen, Poole«, fuhr der andere nachdenklich fort.

»Ja, Sir, das tut er in der Tat«, sagte Poole. »Wir haben alle den Befehl, ihm zu gehorchen.«

»Ich glaube nicht, dass ich Mr. Hyde jemals begegnet bin?«, fragte Utterson.

»O, nein, Sir. Er speist nie hier«, antwortete der Butler. »In der Tat sehen wir ihn auf dieser Seite des Hauses nur sehr selten. Er kommt und geht meistens durch das Laboratorium.«

»Nun, gute Nacht, Poole.«

»Gute Nacht, Mr. Utterson.«

Der Anwalt machte sich schweren Herzens auf den Heimweg. »Armer Harry Jekyll«, dachte er, »mein Verstand sagt mir, er ist in tiefen Gewässern! Er war wild, als er jung war; das ist zwar schon lange her, aber im Gesetz Gottes gibt es keine Verjährungsfrist. Ja, das muss es sein, das Gespenst einer alten Sünde. Das Krebsgeschwür einer verborgenen Schande. Die Strafe kommt, pede claudo, Jahre nachdem die Erinnerung vergessen und die Eigenliebe die Schuld verziehen hat.«

Von dem Gedanken erschreckt, grübelte er eine Weile über seine eigene Vergangenheit nach. Kramte in allen Winkeln des Gedächtnisses, um nicht zufällig eine alte Ungerechtigkeit ans Licht zu bringen. Seine Vergangenheit war einigermaßen tadellos. Nur wenige Menschen konnten die Rollen ihres Lebens mit weniger Besorgnis lesen. Dennoch wurde er durch die vielen schlechten Dinge, die er getan hatte, in den Staub gedemütigt und durch die vielen, denen er so nahe gekommen war und die er doch vermieden hatte, wieder in eine nüchterne und ängstliche Dankbarkeit erhoben.

Und dann, als er zu seinem früheren Thema zurückkehrte, schöpfte er einen Funken Hoffnung. »Dieser Master Hyde – wenn er studiert hat –», dachte er, »muss seine eigenen Geheimnisse haben. Dunkle Geheimnisse, so wie er aussieht. Geheimnisse, im Vergleich zu denen das Schlimmste des armen Jekyll wie Sonnenschein wäre. Die Dinge können nicht so bleiben, wie sie sind. Mir läuft es kalt den Rücken hinunter, wenn ich daran denke, dass sich diese Kreatur wie ein Dieb an Harrys Bett schleicht. Armer Harry – was für ein Erwachen! Und die Gefahr dabei. Denn wenn dieser Hyde die Existenz des Testaments vermutet, könnte er ungeduldig werden. Ja, ich muss mich ins Zeug legen – wenn Jekyll mich nur lässt«, fügte er hinzu, »wenn Jekyll mich nur lässt.« Noch einmal sah er die seltsamen Klauseln des Testaments vor seinem geistigen Auge.

Kapitel 3

Dr Jekyll fühlte sich sehr wohl

Lesezeit ca. 4 min

Zwei Wochen später gab der Doktor, durch einen glücklichen Zufall, eines seiner angenehmen Abendessen für fünf oder sechs alte Vertraute. Alles intelligente, angesehene Männer und allesamt Kenner guten Weins. Mr. Utterson sorgte dafür, dass er zurückblieb, nachdem die anderen gegangen waren. Das war kein neues Arrangement, sondern eine Sache, die schon oft vorgekommen war. Wo Utterson gemocht wurde, wurde er sehr gemocht. Die Gastgeber liebten es, den trockenen Juristen zu verweilen, wenn die Wohlgelaunten und Geschwätzigen endlich einen Fuß auf die Schwelle gesetzt hatten. Sie saßen gern eine Weile in seiner unaufdringlichen Gesellschaft und übten sich im Schweigen, um nach den Kosten und Strapazen des Vergnügens in der wohltuenden Stille des Mannes ihre Gedanken zu ernüchtern. Dr. Jekyll bildete da keine Ausnahme. Und als er jetzt auf der anderen Seite des Feuers saß – ein großer, gut gebauter Mann von fünfzig Jahren mit glattem Gesicht, vielleicht mit einem Anflug von Eleganz, aber mit allen Zeichen von Fähigkeit und Güte –, konnte man an seinem Blick erkennen, dass er für Mr. Utterson eine aufrichtige und warme Zuneigung hegte.

»Ich wollte mit Ihnen sprechen, Jekyll«, begann letzterer. »Sie erinnern sich an Ihr Testament?«

Einem aufmerksamen Beobachter hätte auffallen können, dass dieses Thema unangenehm war, aber der Doktor machte fröhlich weiter.

»Mein armer Utterson«, sagte er, »Sie haben Pech mit einem solchen Klienten. Ich habe noch nie einen so betrübten Mann gesehen, wie Sie es auf Grund meines Testaments sind. Außer diesem engstirnigen Pedanten Lanyon, der meine Methoden als wissenschaftliche Ketzereien bezeichnete. O, ich weiß, er ist ein guter Kerl – Sie brauchen nicht die Stirn zu runzeln – ein ausgezeichneter Kerl, und ich habe immer vor, mehr von ihm zu sehen … und trotzdem ist er ein engstirniger Pedant. Ein ignoranter, unverhohlener Pedant. Ich war noch nie von einem Menschen so enttäuscht wie von Lanyon.«

»Sie wissen, dass ich das nie gebilligt habe«, fuhr Utterson fort, das neue Thema rücksichtslos ignorierend.

»Mein Testament? Ja, natürlich, das weiß ich«, sagte der Arzt ein wenig scharf. »Sie haben es mir gesagt.«

»Nun, ich sage es Ihnen noch einmal«, fuhr der Anwalt fort. »Ich habe etwas über den jungen Hyde gelernt.«

Das große, gut aussehende Gesicht von Dr. Jekyll wurde blass bis auf die Lippen und um seine Augen legte sich ein dunkler Schatten. »Ich möchte nichts mehr hören«, sagte er. »Ich dachte, wir hätten uns darauf geeinigt, diese Angelegenheit fallen zu lassen.«

»Was ich gehört habe, war abscheulich«, sagte Utterson.

»Es kann nichts daran ändern. Sie verstehen meine Lage nicht«, erwiderte der Arzt mit einer gewissen Inkohärenz. »Ich befinde mich in einer schmerzlichen Lage, Utterson. Meine Lage ist eine sehr seltsame … eine sehr seltsame Lage. Es ist eine jener Angelegenheiten, die man nicht durch Reden beheben kann.«

»Jekyll«, sagte Utterson, »Sie kennen mich. Ich bin ein Mann, dem man vertrauen kann. Machen Sie im Vertrauen ein reines Geständnis, und ich zweifle nicht daran, dass ich Sie aus der Sache herausholen kann.«

»Mein guter Utterson«, sagte der Doktor, »das ist sehr nett von Ihnen, das ist ausgesprochen nett von Ihnen, und ich finde keine Worte, um Ihnen zu danken. Ich glaube Ihnen voll und ganz. Ich würde Ihnen mehr vertrauen als irgendeinem anderen Menschen, ja, mehr als mir selbst, wenn ich die Wahl hätte. Aber es ist in der Tat nicht so, wie Sie es sich vorstellen. Es ist nicht so schlimm. Und nur um Ihr gutes Herz zu beruhigen, will ich Ihnen eines sagen: Sobald ich mich entscheide, kann ich Mr. Hyde los sein. Ich gebe Ihnen meine Hand darauf. Und ich danke Ihnen wieder und wieder. Ich will nur noch ein kleines Wort hinzufügen, Utterson, das Sie sicher für gut halten werden: Dies ist eine Privatangelegenheit, und ich bitte Sie, sie ruhen zu lassen.«

Utterson dachte ein wenig nach und schaute ins Feuer. »Ich zweifle nicht daran, dass Sie vollkommen recht haben«, sagte er schließlich und stand auf.

»Nun, da wir diese Angelegenheit angesprochen haben, und ich hoffe, zum letzten Mal«, fuhr der Arzt fort, »möchte ich Sie auf einen Punkt aufmerksam machen. Ich habe wirklich ein sehr großes Interesse an dem armen Hyde. Ich weiß, dass Sie ihn gesehen haben; er hat es mir gesagt. Und ich fürchte, er war äußerst unhöflich. Aber ich habe aufrichtig ein großes, ein sehr großes Interesse an diesem jungen Mann. Und wenn ich fortgerufen werde, Utterson, möchte ich, dass Sie mir versprechen, dass Sie Nachsicht mit ihm walten lassen und seine Rechte für ihn durchsetzen werden. Ich glaube, Sie würden es tun, wenn Sie alles wüssten. Und es würde mir ein Stein vom Herzen fallen, wenn Sie es versprechen würden.«

»Ich kann nicht so tun, als ob ich ihn jemals mögen werde«, sagte der Anwalt.

»Das verlange ich nicht«, plädierte Jekyll und legte seine Hand auf den Arm des anderen, »ich verlange nur Gerechtigkeit. Ich bitte Sie nur, ihm um meinetwillen zu helfen, wenn ich nicht mehr hier bin.«

Utterson stieß einen unwillkürlichen Seufzer aus. »Nun«, sagte er, »ich verspreche es.«

Kapitel 4

Der Mordfall Carew

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Fast ein Jahr später, am 18. Oktober, wurde London durch ein Verbrechen von außerordentlicher Grausamkeit aufgeschreckt, das durch die hohe Stellung des Opfers noch bedeutender wurde. Die Einzelheiten waren spärlich und bestürzend.

Ein Dienstmädchen, das allein in einem Haus unweit des Flusses lebte, war gegen elf Uhr zu Bett gegangen. Obwohl in den frühen Morgenstunden Nebel über der Stadt lag, war die frühe Nacht wolkenlos, und die Gasse, auf die das Fenster des Dienstmädchens blickte, war durch den Vollmond hell erleuchtet. Es scheint, dass sie romantisch veranlagt war, denn sie setzte sich auf eine Kiste, die direkt unter dem Fenster stand, und verfiel der Träumerei. Niemals (so pflegte sie unter Tränen zu sagen, wenn sie von diesem Erlebnis erzählte), niemals hatte sie sich mit allen Menschen wohler gefühlt oder freundlicher über die Welt gedacht.

Und während sie so dasaß, bemerkte sie einen attraktiven, älteren Herrn mit weißem Haar. Ihm entgegen kam ein anderer, kleinerer Herr, dem sie zunächst wenig Aufmerksamkeit schenkte. Als sie aufeinander trafen – was genau unter ihrem Fenster geschah –, verbeugte sich der ältere Herr und sprach den anderen mit charmanter Höflichkeit an. Es sah nicht so aus, als ob das Thema seiner Ansprache von großer Wichtigkeit wäre. In der Tat schien es, als ob er sich nur nach dem Weg erkundigte. Der Mond schien auf sein Gesicht, während er sprach, und das Mädchen sah es mit Vergnügen an. Es strahlte eine unschuldige und altmodische Freundlichkeit des Gemüts aus, aber auch etwas Erhabenes, wie eine wohlbegründete Selbstzufriedenheit.

Sogleich wanderte ihr Blick zu dem anderen. Sie war überrascht, in ihm einen gewissen Mr. Hyde zu erkennen, der einst ihren Herrn besucht hatte, und gegen den sie eine tiefe Abneigung empfand. In seiner Hand hatte er einen schweren Gehstock, mit dem er herumfuchtelte. Er erwiderte kein einziges Wort und schien mit einer schlecht beherrschten Ungeduld zuzuhören.

Plötzlich brach er in eine große Wut aus; stampfte mit dem Fuß auf, fuchtelte mit dem Stock herum und benahm sich – wie das Dienstmädchen es beschrieb – wie ein Verrückter. Der alte Herr wich einen Schritt zurück, als wäre er sehr überrascht und ein wenig verletzt. Da brach Mr. Hyde aus allen Schranken und schlug ihn zu Boden. Im nächsten Augenblick zertrat er sein Opfer in affenartiger Raserei und ließ einen Sturm von Schlägen niederprasseln, unter denen die Knochen hörbar zertrümmert wurden und der Körper auf die Fahrbahn flog. Bei diesem schrecklichen Anblick und Geräusch fiel die Magd in Ohnmacht.

Es war zwei Uhr nachts, als sie zu sich kam und die Polizei rief. Der Mörder war schon längst verschwunden, aber sein Opfer lag mitten in der Gasse – unglaublich verstümmelt. Der Stock, mit dem die Tat begangen worden war, war, obwohl er aus einem seltenen und sehr robusten und schweren Holz bestand, unter der Belastung dieser gefühllosen Grausamkeit in der Mitte zerbrochen. Eine abgesplitterte Hälfte war in den angrenzenden Rinnstein gerollt; die andere hatte der Mörder zweifellos mitgenommen. Bei dem Opfer wurden eine Geldbörse und eine goldene Uhr gefunden, aber keine Karten oder Papiere, außer einem versiegelten und frankierten Umschlag, den er wahrscheinlich zur Post getragen hatte, und der den Namen und die Adresse von Mr. Utterson trug.

Dieser Umschlag wurde dem Anwalt am nächsten Morgen gebracht, noch bevor er aufgestanden war. Kaum hatte er ihn gesehen und sich die Umstände erklären lassen, stieß er hervor: »Ich werde nichts sagen, bevor ich nicht die Leiche gesehen habe. Das könnte sehr ernst sein. Habt die Güte, zu warten, während ich mich anziehe.« Und mit derselben ernsten Miene beeilte er sich, sein Frühstück einzunehmen, und fuhr zur Polizeistation, wohin die Leiche gebracht worden war. Als er die Zelle betrat, nickte er.

»Ja«, sagte er, »ich kenne ihn. Es handelt sich leider um Sir Danvers Carew.«

»Großer Gott, Sir«, rief der Beamte aus, »ist das möglich?« Im nächsten Moment leuchteten seine Augen mit professionellem Ehrgeiz auf. »Das wird eine Menge Lärm machen«, sagte er. »Vielleicht können Sie uns helfen, den Mann zu finden.« Er erzählte kurz, was das Dienstmädchen gesehen hatte, und zeigte den zerbrochenen Stock.

Mr. Utterson hatte schon bei dem Namen Hyde gezittert, aber als der Stock vor ihm lag, konnte er nicht mehr zweifeln. So zerbrochen und verbeult er auch war, er erkannte ihn als den, den er selbst viele Jahre zuvor Henry Jekyll geschenkt hatte.

»Ist dieser Mr. Hyde von kleiner Statur?«, erkundigte er sich.

»Besonders klein und besonders böse aussehend, so beschrieb ihn das Dienstmädchen«, sagte der Beamte.

Mr. Utterson überlegte. Dann hob er den Kopf und sagte: »Wenn Sie mit mir in meiner Droschke mitkommen wollen,« sagte er, »ich denke, ich kann Sie zu seinem Haus bringen.

Es war inzwischen etwa neun Uhr morgens und der erste Nebel der Saison machte sich bemerkbar. Eine große, schokoladenfarbene Wolkendecke senkte sich über den Himmel. Der Wind lud diese umkämpften Dämpfe ständig auf und lenkte sie um, sodass Mr. Utterson, während die Droschke von Straße zu Straße kroch, eine herrliche Anzahl von Abstufungen und Schattierungen der Dämmerung sah. Hier war es dunkel wie das hintere Ende des Abends. Dort leuchtete ein sattes, grelles Braun wie das Licht einer seltsamen Feuersbrunst. Und hier wurde der Nebel für einen Moment ganz aufgelöst, und ein hagerer Lichtstrahl blitzte zwischen den wirbelnden Kränzen hindurch.

Das trostlose Viertel von Soho mit seinen schlammigen Wegen, seinen verwahrlosten Passagieren und seinen Laternen, die nie gelöscht oder neu entzündet worden waren, um diesen traurigen Einbruch der Dunkelheit zu bekämpfen, erschien dem Anwalt wie ein Viertel einer Stadt in einem Alptraum. Auch seine Gedanken waren von der trübseligsten Färbung. Und wenn er einen Blick auf seinen Begleiter warf, spürte er einen Hauch jener Furcht vor dem Gesetz und den Gesetzeshütern, die zuweilen auch den ehrlichsten Mann befällt.

Als die Droschke vor der angegebenen Adresse hielt, lichtete sich der Nebel ein wenig und zeigte ihm eine schäbige Straße, einen Gin-Palast, ein ordinäres französisches Speisehaus, einen Laden für den Verkauf von Penny-Heftchen und Zwei-Penny-Salaten, viele zerlumpte Kinder, die sich in den Hauseingängen zusammendrängten, und viele Frauen verschiedenster Nationalitäten, die mit dem Schlüssel in der Hand hinausgingen, um ein morgendliches Gläschen zu trinken. Im nächsten Augenblick legte sich der Nebel wieder auf diesen Teil, braun wie Umbra, und schnitt ihn von seiner schäbigen Umgebung ab. Dies war das Zuhause von Henry Jekylls Liebling; einem Mann, der Erbe einer Viertelmillion Sterling sein sollte.

Eine alte Frau mit elfenbeinfarbenem Gesicht und silbernen Haaren öffnete die Tür. Sie hatte ein böses, durch Heuchelei geglättetes Gesicht, aber ihre Manieren waren ausgezeichnet. Ja, sagte sie, dies sei die Wohnung von Mr. Hyde, aber er sei nicht zu Hause. Er sei in dieser Nacht sehr spät gekommen, aber in weniger als einer Stunde wieder gegangen. Das sei nichts Ungewöhnliches. Seine Gewohnheiten seien sehr unregelmäßig, und er sei oft abwesend; zum Beispiel habe sie ihn bis gestern fast zwei Monate nicht gesehen.

»Nun gut, wir möchten seine Zimmer sehen«, sagte der Anwalt, und als die Frau zu erklären begann, dass dies unmöglich sei, fügte er hinzu: »Ich sollte Ihnen besser sagen, wer diese Person ist. Das ist Inspektor Newcomen von Scotland Yard.«

Auf dem Gesicht der Frau erschien ein Anflug von widerlicher Freude. »Ah!«, sagte sie, »er ist in Schwierigkeiten! Was hat er getan?«

Mr. Utterson und der Inspektor tauschten Blicke aus. »Er scheint nicht sehr beliebt zu sein«, bemerkte letzterer. »Und nun, meine liebe Frau, lassen Sie mich und diesen Herrn uns umsehen.«

Im ganzen Haus, das bis auf die alte Frau ansonsten leer stand, hatte Mr. Hyde nur ein paar Zimmer genutzt. Diese waren jedoch mit Luxus und gutem Geschmack eingerichtet. Ein Schrank war mit Wein gefüllt; das Geschirr war aus Silber, die Tischwäsche elegant; an den Wänden hing ein schönes Bild, ein Geschenk – wie Utterson vermutete – von Henry Jekyll, der ein großer Kenner war, und die Teppiche waren viellagig und von angenehmer Farbe.

In diesem Moment zeigten die Zimmer jedoch alle Anzeichen, dass sie vor kurzem eilig durchwühlt worden waren: Kleider lagen auf dem Boden, die Taschen von innen nach außen gekehrt; verschlossene Schubladen standen offen, und auf dem Herd lag ein Haufen grauer Asche, als ob viele Papiere verbrannt worden wären. Aus dieser Glut barg der Inspektor das Ende eines grünen Scheckbuchs, das dem Feuer standgehalten hatte. Die andere Hälfte des Stocks wurde hinter der Tür gefunden, und da dies seinen Verdacht erhärtete, zeigte sich der Beamte erfreut. Ein Besuch in der Bank, wo mehrere Tausend Pfund zu Gunsten des Mörders gefunden wurden, vervollständigte seine Freude.

»Sie können sich darauf verlassen, Sir«, sagte er zu Mr. Utterson: »Ich habe ihn in meiner Hand. Er muss den Kopf verloren haben, sonst hätte er den Stock nicht zurückgelassen und vor allem das Scheckbuch nicht verbrannt. Für den Menschen bedeutet Geld das Leben. Wir müssen nichts weiter tun, als in der Bank auf ihn zu warten und die Handzettel zu verteilen.«

Letzteres war jedoch nicht so leicht zu bewerkstelligen, denn Mr. Hyde hatte nur wenige Vertraute – selbst der Herr des Dienstmädchens hatte ihn nur zweimal gesehen. Seine Familie konnte nirgends ausfindig gemacht werden. Er war nie fotografiert worden. Und die wenigen, die ihn beschreiben konnten, wichen weit voneinander ab, wie es bei gewöhnlichen Beobachtern üblich ist. Nur in einem Punkt waren sie sich einig, und das war das eindringliche Gefühl der unausgesprochenen Missbildung, das der Flüchtling bei jedem seiner Betrachter hinterließ.

Kapitel 5

Der Vorfall des Briefs

Lesezeit ca. 8 min

Es war später Nachmittag, als Mr. Utterson den Weg zu Dr. Jekylls Tür fand, wo er sofort von Poole eingelassen und durch die Küchenbüros und über den Hof, der einst ein Garten gewesen war, zu dem Gebäude geführt wurde, das gleichsam als Labor oder Sezierraum bekannt war.

Der Arzt hatte das Haus von den Erben eines berühmten Chirurgen gekauft, und da er selbst eher chemisch als anatomisch veranlagt war, hatte er das Gebäude am Ende des Gartens umgewidmet. Es war das erste Mal, dass der Anwalt in diesem Teil des Quartiers seines Freundes empfangen wurde. Er betrachtete das schmuddelige, fensterlose Bauwerk mit Neugier und schaute sich mit einem unangenehmen Gefühl der Fremdheit um, als er den Operationssaal durchquerte, der einst von eifrigen Studenten bevölkert war und nun ausgemergelt und still dalag. Die Tische mit chemischen Apparaten beladen, der Boden mit Kisten und Verpackungsstroh übersät. Das Licht fiel schwach durch die neblige Kuppel. Am anderen Ende des Raumes führte eine Treppe zu einer mit rotem Fries verkleideten Tür, durch die Mr. Utterson schließlich in das Kabinett des Arztes gelangte.

Es handelte sich um einen großen Raum, der rundherum mit Glasschränken ausgestattet war; einem Drehspiegel, einem Arbeitstisch, und drei staubigen, mit Eisen vergitterte Fenster, die auf den Hof hinausgingen. Das Feuer brannte auf dem Rost; eine Lampe flackerte auf dem Kaminsims, denn auch in den Häusern begann der Nebel dicht zu liegen. Dort, nah bei der Wärme, saß Dr. Jekyll und sah todkrank aus. Er erhob sich nicht, um seinen Besucher zu begrüßen, sondern hielt ihm eine kalte Hand hin und hieß ihn mit veränderter Stimme willkommen.

»Haben Sie die Neuigkeiten gehört?«, sagte Mr. Utterson, sobald Poole sie verlassen hatte.

Der Doktor erschauderte. »Sie haben es auf dem Platz geschrien«, sagte er. »Ich habe sie in meinem Esszimmer gehört.«

»Carew war mein Klient«, sagte der Anwalt, »aber Sie sind es auch, und ich will wissen, was ich tue. Sie waren nicht verrückt genug, diesen Kerl zu verstecken?«

»Utterson, ich schwöre bei Gott«, rief der Arzt, »ich schwöre bei Gott, ich werde ihn nie wieder sehen. Ich schwöre bei meiner Ehre, dass ich mit ihm in dieser Welt fertig bin. Es ist alles zu Ende. Und in der Tat: Er braucht meine Hilfe nicht. Sie kennen ihn nicht so wie ich. Er ist sicher, er ist absolut sicher. Merken Sie sich meine Worte, man wird nie mehr von ihm hören.«

Der Anwalt hörte bedrückt zu. Die fieberhafte Art seines Freundes gefiel ihm nicht. »Sie scheinen sich seiner ziemlich sicher zu sein«, sagte er, »und ich hoffe für Sie, dass Sie recht haben. Wenn es zu einem Prozess käme, könnte Ihr Name auftauchen.«

»Ich bin mir seiner ganz sicher«, antwortete Jekyll, »ich habe Gründe für eine Gewissheit, die ich mit niemandem teilen kann. Aber es gibt eine Sache, in der Sie mich beraten mögen. Ich habe … ich habe einen Brief erhalten, und ich weiß nicht, ob ich ihn der Polizei zeigen soll. Ich würde ihn gern in Ihre Hände legen, Utterson. Sie würden sicher weise urteilen. Ich habe großes Vertrauen zu Ihnen.«

»Sie fürchten wohl, dass es zu seiner Entdeckung führen könnte?«, fragte der Anwalt.

»Nein«, sagte der andere. »Ich kann nicht sagen, dass es mich kümmert, was aus Hyde wird. Ich bin fertig mit ihm. Ich habe an meinen eigenen Charakter gedacht, den diese abscheuliche Angelegenheit ziemlich bloßgestellt hat.«

Utterson dachte eine Weile nach. Er war überrascht über den Egoismus seines Freundes, aber auch erleichtert darüber. »Nun«, sagte er schließlich, »lassen Sie mich den Brief sehen.«

Der Brief war in einer seltsamen, aufrechten Hand geschrieben und mit »Edward Hyde« unterzeichnet. Er besagte kurz und bündig, dass der Wohltäter des Schreibers, Dr. Jekyll, dem er seit langem so unwürdig für tausend Großzügigkeiten gedankt hatte, keine Angst um seine Sicherheit zu haben brauchte, da er über Mittel zur Flucht verfüge, auf die er sich sicher verließ. Dem Anwalt gefiel dieser Brief gut genug. Er verlieh der Vertrautheit einen besseren Anstrich, als er erwartet hatte, und er machte sich Vorwürfe wegen einiger seiner früheren Verdächtigungen.

»Haben Sie den Umschlag?«, fragte er.

»Ich habe ihn verbrannt«, antwortete Jekyll, »bevor ich darüber nachdachte, was ich vorhatte. Aber er trug keinen Poststempel. Der Brief wurde abgegeben.«

»Soll ich ihn behalten und darüber schlafen?«

»Ich möchte, dass Sie gänzlich für mich urteilen. Ich habe das Vertrauen in mich selbst verloren.«

»Ich werde darüber nachdenken«, erwiderte der Anwalt. »Nur noch eins: War es Hyde, der die Bedingungen in Ihrem Testament über das Verschwinden diktiert hat?«

Der Arzt schien von einem Anflug von Ohnmacht befallen zu sein. Er schloss den Mund und nickte.

»Ich wusste es«, sagte Utterson. »Er wollte Sie ermorden. Sie sind knapp entkommen.«

»Ich habe etwas bekommen, was viel wichtiger ist«, erwiderte der Arzt. »Ich habe eine Lektion erhalten – O Gott, Utterson, was für eine Lektion!« Und er bedeckte sein Gesicht einen Moment lang mit den Händen.

Auf dem Weg nach draußen blieb der Anwalt stehen und sprach ein paar Worte mit Poole. »Übrigens«, sagte er, »es wurde heute ein Brief abgegeben: Wer war der Bote?« Aber Poole war sich sicher, dass nichts außer der Post gekommen war; »und damit nur Rundschreiben«, fügte er hinzu.

Diese Nachricht ließ den Besucher mit neuen Befürchtungen gehen. Offensichtlich war der Brief durch die Tür des Labors gekommen. Möglicherweise war er sogar im Kabinett geschrieben worden, und wenn das der Fall war, musste er anders beurteilt und mit umso größerer Vorsicht behandelt werden.

Als er ging, schrien sich die Zeitungsjungen auf den Gehwegen heiser: »Sonderausgabe. Schockierender Mord an einem Abgeordneten.« Das war die Grabrede eines Freundes und Klienten. Er konnte sich einer gewissen Befürchtung nicht erwehren, dass der gute Name eines weiteren in den Strudel des Skandals hineingezogen werden könnte. Es war jedenfalls eine heikle Entscheidung, die er zu treffen hatte, und selbstständig, wie er aus Gewohnheit war, begann er sich nach einem Rat zu sehnen. Er war nicht direkt zu bekommen, aber vielleicht, so dachte er, könnte man ihn sich angeln.

Bald darauf saß er auf der einen Seite seines Kamins, Mr. Guest, sein Kanzleivorstand, auf der anderen, und in der Mitte, in wohlberechneter Entfernung vom Feuer, eine Flasche eines besonderen alten Weins, der lange Zeit ungesonnt in den Fundamenten seines Hauses gelegen hatte. Der Nebel schlief noch immer auf den Flügeln über der versunkenen Stadt, wo die Lampen wie Karfunkel schimmerten. Und durch den Dunst und den Rauch dieser gefallenen Wolken rollte noch immer der Zug des Lebens der Stadt durch die großen Arterien, mit einem Geräusch wie von einem mächtigen Wind.

Das Zimmer war hell erleuchtet vom Feuerschein. In der Flasche hatten sich die Säuren längst aufgelöst. Die herrliche Farbe war mit der Zeit weicher geworden, so wie die Farbe in den bunten Fenstern reicher wird, und die Glut heißer Herbstnachmittage in den Weinbergen der Hügel war bereit, sich zu befreien und die Nebel Londons zu vertreiben.

Unmerklich schmolz der Anwalt dahin. Es gab niemanden, vor dem er weniger Geheimnisse hatte als vor Mr. Guest, und er war sich nicht immer sicher, ob er so viele behielt, wie er beabsichtigte. Guest war oft geschäftlich bei dem Doktor gewesen. Er kannte Poole. Er konnte kaum umhin, von Mr. Hydes Vertrautheit mit dem Haus zu hören. Er konnte Schlüsse ziehen. War es dann nicht ebenso gut, dass er einen Brief sah, der dieses Geheimnis aufklärte? Und vor allem, da Guest, der ein versierter Student und Kritiker der Handschrift war, diesen Schritt als natürlich und zuvorkommend betrachten würde? Außerdem war der Schreiber als Of Counsel tätig. Er konnte kaum ein so merkwürdiges Dokument lesen, ohne eine Bemerkung fallen zu lassen, und durch diese Bemerkung könnte Mr. Utterson seinen künftigen Kurs bestimmen.

»Das ist eine traurige Angelegenheit mit Sir Danvers«, sagte er.

»Ja, Sir, in der Tat. Sie hat in der Öffentlichkeit viel Aufsehen erregt«, erwiderte Guest. »Der Mann war natürlich verrückt.«

»Ich würde gerne Ihre Meinung dazu hören«, sagte Utterson. »Ich habe hier ein Dokument in seiner Handschrift. Es bleibt unter uns, denn ich weiß kaum, was ich damit anfangen soll. Es ist eine hässliche Angelegenheit, bestenfalls. Hier ist es. Ganz in Ihrem Sinne: das Autograph eines Mörders.«

Guests Augen leuchteten auf, und er setzte sich sofort hin und studierte es mit Leidenschaft. »Nein, Sir«, sagte er, »nicht verrückt, aber … es ist eine seltsame Hand.«

»Und nach allem, was man hört, ein sehr seltsamer Schreiber«, fügte der Anwalt hinzu.

In diesem Moment kam der Diener mit einer Notiz herein.

»Ist das von Dr. Jekyll, Sir?«, erkundigte sich Guest. »Ich dachte, ich kenne die Schrift. Irgendetwas Privates, Mr. Utterson?«

»Nur eine Einladung zum Abendessen. Warum? Wollen Sie sie sehen?«

»Einen Augenblick.« Er legte die beiden Blätter nebeneinander und verglich eifrig ihren Inhalt. »Danke, Sir«, sagte er schließlich und gab beide zurück, »es ist ein sehr interessantes Autograph.«

Es entstand eine Pause, in der Mr. Utterson mit sich rang.

»Warum haben Sie sie verglichen, Guest?«, fragte er plötzlich.

»Nun, Sir. Es gibt eine recht eigenartige Ähnlichkeit. Die beiden Hände sind in vielen Punkten identisch … nur unterschiedlich geneigt.«

»Äußerst merkwürdig.«

»Es ist, wie Sie sagen … äußerst merkwürdig«, erwiderte Guest.

»Ich würde nicht von dieser Notiz sprechen, sie verstehen.«

»Nein, Sir«, sagte Guest. »Ich verstehe.«

Kaum war Mr. Utterson an diesem Abend allein, schloss er die Notiz in seinen Safe, wo sie fortan ruhte. »Was!«, dachte er. »Henry Jekyll fälscht für einen Mörder!« Und sein Blut gefror in seinen Adern.

Kapitel 6

Der Vorfall von Dr. Lanyon

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Die Zeit verging. Tausende von Pfund wurden als Belohnung ausgesetzt, denn der Tod von Sir Danvers wurde als öffentliche Beleidigung empfunden. Mr. Hyde jedoch war aus dem Blickfeld der Polizei verschwunden, als hätte er nie existiert. Vieles aus seiner Vergangenheit wurde ausgegraben, und, in der Tat, alles war verwerflich. Geschichten über die Grausamkeit des Mannes, der gleichzeitig so gefühllos und gewalttätig war, kamen ans Tageslicht. Über sein niederträchtiges Leben, seine seltsamen Gefährten, den Hass, der seinen Werdegang zu umgeben schien. Über seinen gegenwärtigen Aufenthaltsort jedoch gab es nicht ein Flüstern. Seit er am Morgen des Mordes das Haus in Soho verlassen hatte, wurde er einfach ausgelöscht.

Mit der Zeit erholte sich Mr. Utterson allmählich von der Heftigkeit seines Schreckens und wurde ruhiger mit sich selbst. Der Tod von Sir Danvers war seiner Meinung nach durch das Verschwinden von Mr. Hyde mehr als entschädigt worden. Nun, da dieser böse Einfluss verschwunden war, begann für Dr. Jekyll ein neues Leben. Er kam aus seiner Zurückgezogenheit heraus, erneuerte die Beziehungen zu seinen Freunden, wurde wieder ihr vertrauter Gast und Unterhalter, und während er immer für seine Wohltätigkeit bekannt gewesen war, zeichnete er sich nun nicht weniger durch seine Religion aus. Er war fleißig, er war viel an der frischen Luft, er tat Gutes. Sein Gesicht schien sich zu öffnen und zu erhellen, wie mit einem inneren Bewusstsein des Dienstes, und mehr als zwei Monate lang fand der Arzt seinen Frieden.

Am 8. Januar hatte Utterson mit einer kleinen Gesellschaft bei dem Arzt zu Abend gegessen – Lanyon war dabei gewesen –, und das Gesicht des Gastgebers hatte von einem zum anderen geschaut wie in den alten Tagen, als das Trio unzertrennliche Freunde waren. Am 12. und am 14. war die Tür für den Anwalt verschlossen. »Der Doktor war ans Haus gebunden«, sagte Poole, »und hat niemanden gesehen.« Am 15. versuchte er es erneut und wurde wieder abgewiesen, und nachdem er es in den letzten zwei Monaten gewohnt war, seinen Freund fast täglich zu sehen, drückte diese Rückkehr der Abgeschiedenheit auf sein Gemüt. Am fünften Abend hatte er Guest zu Gast, um mit ihm zu speisen, und am sechsten Abend begab er sich zu Dr. Lanyon.

Wenigstens dort wurde ihm der Zutritt nicht verwehrt. Als er jedoch eintrat, war er schockiert über die Veränderung, die im Aussehen des Arztes stattgefunden hatte. Sein Todesurteil stand ihm gut leserlich ins Gesicht geschrieben. Der rosige Mann war blass geworden. Sein Fleisch war abgefallen. Er war sichtlich kahler und älter geworden. Und doch waren es nicht so sehr die Anzeichen eines raschen körperlichen Verfalls, die dem Anwalt auffielen, sondern ein Blick in den Augen und ein Verhalten, das von einem tief sitzenden Schrecken des Geistes zu zeugen schien. Es war unwahrscheinlich, dass der Arzt den Tod fürchtete, und doch war Utterson versucht, genau das zu vermuten. »Ja«, dachte er, »er ist ein Arzt, er muss wissen, wie es um ihn steht, und dass seine Tage gezählt sind, und das Wissen ist mehr, als er ertragen kann.« Doch als Utterson sein schlechtes Aussehen ansprach, erklärte Lanyon mit großer Entschlossenheit, dass er ein todgeweihter Mann sei.

»Ich habe einen Schock erlitten«, sagte er, »und ich werde mich nie wieder davon erholen. Es ist eine Frage von Wochen. Nun, das Leben war angenehm. Ich mochte es. Jawohl Sir, ich mochte es immer. Ich denke manchmal, wenn wir alles wüssten, würden wir uns mehr freuen, es hinter uns zu lassen.«

»Jekyll ist auch krank«, bemerkte Utterson. »Haben Sie ihn gesehen?«

Lanyons Gesicht veränderte sich, und er hielt eine zitternde Hand hoch. »Ich will nichts mehr von Dr. Jekyll sehen oder hören«, sagte er mit lauter, unsicherer Stimme. »Ich bin mit dieser Person fertig, und ich bitte Sie, mir jede Anspielung auf jemanden zu ersparen, den ich für tot halte.«

»Dz-dz«, sagte Mr. Utterson, und dann, nach einer bedeutsamen Pause, fragte er: »Kann ich denn gar nichts tun? Wir sind drei sehr alte Freunde, Lanyon; wir werden in unserem Alter keine neuen Freundschaften mehr schließen.«

»Da kann man nichts machen«, erwiderte Lanyon, »fragen Sie ihn selbst.«

»Er will mich nicht sehen.«

»Das wundert mich nicht«, antwortete er. »Eines Tages, Utterson, wenn ich tot bin, werden Sie vielleicht erfahren, was richtig und was falsch ist. Ich kann es Ihnen nicht sagen. Und wenn Sie sich in der Zwischenzeit mit mir über andere Dinge unterhalten wollen, dann bleiben Sie, um Gottes willen, und tun Sie das. Aber wenn Sie sich nicht von diesem verfluchten Thema fernhalten können, dann gehen Sie in Gottes Namen, denn ich kann es nicht ertragen.«

Sobald er nach Hause kam, setzte sich Utterson hin und schrieb an Jekyll. Er beklagte sich über seinen Ausschluss aus dem Haus und fragte nach dem Grund dieses unglücklichen Bruchs mit Lanyon.

Am nächsten Tag erhielt er eine lange Antwort, oft sehr pathetisch formuliert und manchmal dunkel und rätselhaft im Ton. Das Zerwürfnis mit Lanyon war unheilbar. »Ich mache unserem alten Freund keinen Vorwurf«, schrieb Jekyll, »aber ich teile seine Ansicht, dass wir uns niemals treffen dürfen. Ich habe vor, von nun an ein Leben in äußerster Abgeschiedenheit zu führen. Sie dürfen sich nicht wundern und auch nicht an meiner Freundschaft zweifeln, wenn meine Tür auch für Sie oft verschlossen ist. Ihr müsst mich meinen eigenen dunklen Weg gehen lassen. Ich habe eine Strafe und eine Gefahr über mich gebracht, die ich nicht benennen kann. Wenn ich der größte Sünder bin, bin ich auch der größte Leidtragende. Ich hätte nicht gedacht, dass es auf dieser Erde einen Ort für so unmenschliche Leiden und Schrecken gibt. Sie können nur eines tun, Utterson, um mir dieses Schicksal zu erleichtern: nämlich mein Schweigen zu respektieren.«

Utterson war verblüfft. Der dunkle Einfluss von Hyde war verschwunden. Der Arzt war zu seinen alten Aufgaben und Freundschaften zurückgekehrt. Vor einer Woche hatte ihn die Aussicht auf ein heiteres und ehrenvolles Alter noch angestrahlt. Und nun waren in einem Augenblick Freundschaft und Seelenfrieden und der ganze Tenor seines Lebens zerstört. Eine so große und unvorbereitete Veränderung deutete auf Wahnsinn hin. Aber in Anbetracht von Lanyons Verhalten und Worten muss es dafür einen tieferen Grund geben.

Eine Woche später legte sich Dr. Lanyon in sein Bett, und etwas weniger als zwei Wochen später war er tot. In der Nacht nach der Beerdigung, von der er sehr betroffen war, schloss Utterson die Tür seines Geschäftszimmers ab, saß dort im düsteren Schein einer Kerze, zog einen Umschlag heraus, der von der Hand seines toten Freundes adressiert und mit dessen Siegel versehen war, und legte ihn vor sich hin.

»Privat: für die Hände von G. J. Utterson allein, und im Falle seines Ablebens ungelesen zu vernichten«, stand nachdrücklich darauf. Der Anwalt fürchtete, den Inhalt zu sehen. »Ich habe heute einen Freund beerdigt«, dachte er, »was, wenn mich das einen weiteren kosten sollte?« Und dann verurteilte er die Angst als Untreue und brach das Siegel.

Darin befand sich ein weiterer, ebenfalls versiegelter Umschlag, auf dem stand: »Nicht zu öffnen bis zum Tod oder Verschwinden von Dr. Henry Jekyll.« Utterson konnte seinen Augen nicht trauen. Ja, es war Verschwinden. Auch hier, wie in dem verrückten Testament, das er seinem Verfasser vor langer Zeit zurückgegeben hatte, waren die Idee des Verschwindens und der Name Henry Jekylls miteinander verknüpft. Aber im Testament war diese Idee dem teuflischen Vorschlag des Mannes Hyde entsprungen. Sie war mit einer allzu klaren und schrecklichen Absicht gesetzt worden. Von der Hand Lanyons geschrieben, was sollte es bedeuten?

Eine große Neugierde überkam den Treuhänder, sich über das Verbot hinwegzusetzen und diesen Geheimnissen sofort auf den Grund zu gehen. Aber Berufsehre und Treue zu seinem toten Freund waren strenge Verpflichtungen. Und so schlummerte das Päckchen in der hintersten Ecke seines Privatsafes.

Es ist eine Sache, die Neugier zu unterdrücken, eine andere, sie zu besiegen, und man darf bezweifeln, ob Utterson von diesem Tag an die Gesellschaft seines überlebenden Freundes mit demselben Eifer suchte. Er dachte wohlwollend an ihn, aber seine Gedanken waren beunruhigt und ängstlich. Er ging hin, um ihn zu besuchen, aber war erleichtert, dass man ihm den Zutritt verweigerte. Vielleicht zog er es in seinem Herzen vor, mit Poole auf der Türschwelle zu sprechen, umgeben von der Luft und den Geräuschen der offenen Stadt, als in dieses Haus der freiwilligen Knechtschaft eingelassen zu werden und mit seinem unergründlichen Einsiedler zu sitzen und zu sprechen.

Poole hatte, in der Tat, keine sehr erfreulichen Nachrichten zu überbringen. Der Doktor, so schien es, beschränkte sich mehr denn je auf das Kabinett über dem Laboratorium, wo er manchmal sogar schlief. Er war verstimmt. Er war still geworden. Er las nicht. Es schien, als ob er etwas auf dem Herzen hätte. Utterson gewöhnte sich so sehr an die Unveränderlichkeit dieser Berichte, dass er nach und nach die Häufigkeit seiner Besuche verringerte.

Kapitel 7

Der Vorfall am Fenster

Lesezeit ca. 3 min

Es begab sich an einem Sonntag, als Mr. Utterson seinen üblichen Spaziergang mit Mr. Enfield machte, dass ihr Weg wieder einmal durch die Seitenstraße führte. Als sie an der Tür vorbeikamen, blieben beide stehen und betrachteten sie.

»Nun«, sagte Enfield, »wenigstens ist diese Geschichte zu Ende. Wir werden Mr. Hyde nie wieder sehen.«

»Ich hoffe nicht«, sagte Utterson. »Habe ich Ihnen jemals erzählt, dass ich ihn einmal gesehen habe und Ihr Gefühl der Abscheu geteilt habe?«

»Es war unmöglich, das eine ohne das andere zu tun«, erwiderte Enfield. »Und übrigens, für wie blöd müssen Sie mich gehalten haben, dass ich nicht wusste, dass dies ein Hintereingang zu Dr. Jekyll ist! Es war zum Teil Ihre eigene Schuld, dass ich es herausgefunden habe.«

»Sie haben es also herausgefunden, ja?«, sagte Utterson. »Aber wenn das so ist, können wir in den Hof gehen und uns die Fenster ansehen. Um die Wahrheit zu sagen, ich bin beunruhigt über den armen Jekyll. Und selbst draußen … ich habe das Gefühl, dass die Anwesenheit eines Freundes ihm gut tun könnte.«

Im Hof war es sehr kühl und ein wenig feucht, und es herrschte eine verfrühte Dämmerung, obwohl der Himmel hoch oben noch hell vom Sonnenuntergang war. Das mittlere der drei Fenster war halb geöffnet, und dicht daneben, mit einer unendlich traurigen Miene wie ein untröstlicher Gefangener nach frischer Luft schöpfen, saß Dr. Jekyll.

»Jekyll!«, rief Utterson. »Ich hoffe, es geht Ihnen besser.«

»Ich bin sehr niedergeschlagen, Utterson«, antwortete der Arzt trostlos, »sehr niedergeschlagen. Es wird nicht lange anhalten, Gott sei Dank.«

»Sie bleiben zu viel im Haus«, sagte der Anwalt. »Sie sollten draußen sein um den Kreislauf in Schwung zu bringen, so wie Mr. Enfield und ich. (Das ist mein Vetter – Mr. Enfield – Dr. Jekyll.) Kommen Sie. Holen Sie Ihren Hut und gehen Sie eine Runde mit uns.«

»Sie sind sehr nett«, seufzte der andere. »Ich würde sehr gern – aber nein, nein, nein, das ist gänzlich unmöglich. Ich wage es nicht. Aber in der Tat, Utterson, ich bin sehr froh, Sie zu sehen. Das ist wirklich eine große Freude. Ich würde Sie und Mr. Enfield hinaufbitten, aber der Ort ist wirklich nicht geeignet.«

»Nun,« sagte der Anwalt gutmütig, »das Beste, was wir tun können, ist, hier unten zu bleiben und mit Ihnen von hier aus zu sprechen.«

»Genau das wollte ich gerade vorschlagen«, erwiderte der Arzt lächelnd.

Doch kaum waren die Worte ausgesprochen, verschwand das Lächeln aus seinem Gesicht und wurde von einem Ausdruck des Entsetzens und der Verzweiflung abgelöst, der den beiden Herren unten das Blut in den Adern gefrieren ließ. Sie sahen es nur flüchtig, denn das Fenster wurde sofort heruntergeschoben. Aber dieser flüchtige Blick war ausreichend gewesen, und sie drehten sich um und verließen den Hof ohne ein Wort.

Schweigend durchquerten sie die Seitenstraße, und erst als sie in eine benachbarte Durchgangsstraße kamen, in der selbst an einem Sonntag noch etwas Leben herrschte, wandte sich Mr. Utterson endlich um und sah seinen Begleiter an. Sie waren beide blass. In ihren Augen stand das gleiche Entsetzen.

»Gott vergib uns, Gott vergib uns«, sagte Mr. Utterson.

Mr. Enfield nickte nur sehr ernst und ging schweigend weiter.

Kapitel 8

Die Letzte Nacht

Lesezeit ca. 21 min

Mr. Utterson saß eines Abends nach dem Essen an seinem Kamin, als er, zu seiner Überraschung, Besuch von Poole erhielt.

»Meine Güte, Poole, was führt Sie her?«, rief er, und als er ihn ein zweites Mal ansah, fügte er hinzu: »Was haben Sie denn? Ist der Doktor krank?«

»Mr. Utterson«, sagte der Mann, »es ist etwas nicht in Ordnung.«

»Setzen Sie sich und hier ist ein Glas Wein für Sie«, sagte der Anwalt. »Lassen Sie sich Zeit und sagen Sie mir ganz offen, was los ist.«

»Sie kennen die Art des Doktors, Sir«, antwortete Poole, »und wie er sich verschließt. Nun, er hat sich wieder im Kabinett eingeschlossen, und das gefällt mir nicht. Mr. Utterson, Sir, ich habe Angst.«

»Nun, mein guter Mann«, sagte der Anwalt, »seien Sie deutlich. Wovor haben Sie Angst?«

»Ich habe seit etwa einer Woche Angst«, erwiderte Poole, die Frage ignorierend, »und ich kann es nicht mehr ertragen.«

Die Erscheinung des Mannes bestätigte seine Worte. Sein Verhalten hatte sich zum Schlechten verändert, und bis auf den Moment, in dem er seine Angst kundgetan hatte, hatte er dem Anwalt nicht einmal ins Gesicht gesehen. Auch jetzt saß er mit dem vollen Weinglas auf dem Knie und richtete seinen Blick auf eine Ecke des Fußbodens. »Ich kann es nicht mehr ertragen«, wiederholte er.

»Kommen Sie«, sagte der Anwalt, »ich sehe, dass Sie einen guten Grund haben, Poole. Ich sehe, dass etwas ernsthaft nicht stimmt. Versuchen Sie mir zu sagen, was es ist.«

»Ich glaube, es wurde ein Verbrechen begangen«, sagte Poole mit heiserer Stimme.

»Ein Verbrechen!«, rief der Anwalt erschrocken und infolgedessen etwas irritiert. »Was für ein Verbrechen! Was meinen Sie damit?«

»Das wage ich nicht zu sagen, Sir«, lautete die Antwort, »aber wollen Sie mit mir kommen und es selbst sehen?«

Mr. Uttersons Antwort bestand darin, aufzustehen und seinen Hut und seinen Mantel zu holen. Er beobachtete mit Verwunderung, wie groß die Erleichterung auf dem Gesicht des Butlers war, und mit nicht weniger Verwunderung, dass der Wein immer noch nicht gekostet war, als er ihn absetzte, um ihm zu folgen.

Es war eine wilde, kalte Märznacht, mit einem blassen Mond, der auf dem Rücken lag, als hätte der Wind ihn umgeworfen. Der Wind erschwerte das Sprechen und trieb ihnen das Blut ins Gesicht. Außerdem schien er die Straßen ungewöhnlich leergefegt zu haben, denn Mr. Utterson glaubte, diesen Teil Londons noch nie so menschenleer gesehen zu haben. Er hätte es sich anders wünschen können. Noch nie in seinem Leben hatte er einen so starken Wunsch verspürt, seine Mitmenschen zu sehen und zu berühren; denn so sehr er sich auch abmühte, es drängte sich ihm eine erdrückende Vorahnung des Unheil auf.

Als sie ankamen, war der Platz voller Wind und Staub, und die dünnen Bäume im Garten peitschten sich am Geländer entlang. Poole, der den ganzen Weg über ein oder zwei Schritte vorausgegangen war, hielt nun mitten auf dem Bürgersteig an, nahm trotz des beißenden Wetters seinen Hut ab und wischte sich mit einem roten Taschentuch über die Stirn. Aber trotz der Eile, mit der er gekommen war, war es nicht der Tau der Anstrengung, den er abwischte, sondern die Feuchtigkeit einer erstickenden Qual; denn sein Gesicht war weiß und seine Stimme rau und gebrochen.

»Nun, Sir«, sagte er, »hier sind wir, und Gott bewahre, dass nichts passiert ist.«

»Amen, Poole«, sagte der Anwalt.

Daraufhin klopfte der Diener verhalten. Die Tür wurde an der Kette geöffnet, und eine Stimme fragte von drinnen: »Sind Sie das, Poole?«

»Es ist alles in Ordnung«, sagte Poole. »Öffnen Sie die Tür.«

Als sie eintraten, war die Halle hell erleuchtet. Das Feuer war hoch aufgeschichtet, und um die Feuerstelle standen alle Bediensteten, Männer und Frauen, zusammengekauert wie eine Schafherde. Beim Anblick von Mr. Utterson brach das Hausmädchen in hysterisches Wimmern aus, und die Köchin rief: »Gott sei Dank, es ist Mr. Utterson«, und rannte vorwärts, als wollte sie ihn in die Arme nehmen.

»Was? Sind Sie alle hier?«, sagte der Anwalt. »Äußerst unpassend, äußerst ungeziemend; Ihr Herr wäre alles andere als erfreut.«

»Sie haben alle Angst«, sagte Poole.

Blankes Schweigen folgte; niemand protestierte. Nur das Dienstmädchen erhob die Stimme und weinte nun laut.

»Hüte deine Zunge!« sagte Poole mit scharfem Ton, der von seinen eigenen zerrütteten Nerven zeugte. Und in der Tat, als das Mädchen so plötzlich den Ton ihres Wehklagens erhöht hatte, waren sie alle aufgestanden und hatten sich mit Gesichtern schrecklicher Erwartung zur inneren Tür gewandt.

»Und nun«, fuhr der Butler fort und wandte sich an den Messerjungen, »reiche mir eine Kerze, und wir werden das sofort in die Hand nehmen.« Er bat Mr. Utterson, ihm zu folgen, und führte ihn in den hinteren Garten.

»Kommen Sie so vorsichtig, wie Sie können. Ich will, dass Sie hören, und ich will nicht, dass Sie gehört werden. Und sehen Sie, Sir, wenn er Sie zufällig hereinbitten sollte, gehen Sie nicht.«

Mr. Uttersons Nerven erfuhren bei dieser unerwarteten Beendigung einen Ruck, der ihn fast aus dem Gleichgewicht brachte. Aber er nahm seinen Mut wieder zusammen und folgte dem Butler in das Laborgebäude, durch den Operationssaal, mit seinem Gerümpel von Kisten und Flaschen, bis zum Fuß der Treppe. Hier wies Poole ihn an, sich auf die Seite zu stellen und zuzuhören, während er selbst, die Kerze abstellend und seine Entschlossenheit deutlich aufbietend, die Stufen hinaufstieg und mit etwas unsicherer Hand an den roten Fries der Tür klopfte.

»Mr. Utterson, Sir. Er möchte Sie sprechen«, rief er, und während er dies tat, gab er dem Anwalt noch einmal eindringlich zu verstehen, ihm Gehör zu schenken.

Eine Stimme antwortete von drinnen: »Sagen Sie ihm, ich kann niemanden empfangen«, sagte sie klagend.

»Danke, Sir«, sagte Poole mit einem Hauch von Triumph in der Stimme, nahm seine Kerze und führte Mr. Utterson über den Hof zurück in die große Küche, wo das Feuer erloschen war und die Käfer auf dem Boden herumsprangen.

»Sir«, sagte er und schaute Mr. Utterson in die Augen, »war das die Stimme meines Herrn?«

»Sie scheint sich sehr verändert zu haben«, antwortete der Anwalt und warf einen Blick zurück.

»Verändert? Nun, ja, ich glaube schon«, sagte der Butler. »Bin ich zwanzig Jahre im Hause dieses Mannes gewesen, um mich über seine Stimme zu täuschen? Nein, Sir. Der Herr wurde umgebracht. Er wurde vor acht Tagen umgebracht, als wir ihn den Namen Gottes schreien hörten, und wer an seiner Stelle da drin ist, und warum er dort bleibt, das ist eine Sache, die zum Himmel schreit, Mr. Utterson!«

»Das ist eine sehr seltsame Geschichte, Poole. Eine ziemlich wilde Geschichte, mein Freund«, sagte Mr. Utterson und biss sich in den Finger. »Angenommen, es wäre so, wie Sie vermuten. Angenommen, Dr. Jekyll wäre … nun, ermordet worden. Was könnte den Mörder veranlassen zu bleiben? Das ist nicht stichhaltig; es ist nicht vernünftig.«

»Mr. Utterson, Sie sind ein schwer zufriedenzustellender Mann, aber ich werde es trotzdem tun«, sagte Poole. »Die ganze letzte Woche (Sie müssen es wissen) hat er, oder es – was auch immer es ist, das in diesem Kabinett lebt –, Tag und Nacht nach irgendeiner Art von Medizin verlangt. Es war manchmal seine Art – also die des Herrn – seine Befehle auf ein Blatt Papier zu schreiben und es auf die Treppe zu werfen. Wir haben diese Woche nichts anderes zurückbekommen. Nichts als Papiere und eine geschlossene Tür, und die Mahlzeiten, die dort gelassen wurden, um sie hineinzuschmuggeln, wenn niemand hinsah. Jeden Tag, ja, sogar zwei- und dreimal am selben Tag, gab es Bestellungen und Beschwerden, und ich wurde zu allen Großapotheken der Stadt geschickt. Jedes Mal, wenn ich das Zeug zurückbrachte, kam ein weiterer Zettel mit der Aufforderung, es zurückzugeben, weil es nicht rein sei, und eine weitere Bestellung bei einem anderen Geschäft. Dieses Medikament wird bitterböse gesucht, Sir – wozu auch immer.«

»Haben Sie irgendwelche dieser Papiere?«, fragte Mr. Utterson.

Poole tastete in seiner Tasche und holte einen zerknitterten Zettel hervor, den der Anwalt, der sich näher an die Kerze beugte, sorgfältig untersuchte. Sein Inhalt lautete wie folgt:

»Dr. Jekyll entbietet den Herren Maw seine besten Wünsche. Er versichert ihnen, dass ihre letzte Probe unrein und für seine gegenwärtigen Zwecke völlig unbrauchbar ist. Im Jahre 18- kaufte Dr. J. eine etwas größere Menge von den Herren M. Er bittet sie nun, mit größter Sorgfalt zu suchen, und sollte noch etwas von derselben Qualität übrig sein, ihm diese sofort zukommen zu lassen. Die Kosten spielen dabei keine Rolle. Die Bedeutung dieser Angelegenheit für Dr. J. kann kaum überschätzt werden.«

Bis jetzt war der Brief ruhig verlaufen, aber hier brach mit einem plötzlichen Spucken der Feder die Erregung des Schreibers hervor. »Um Gottes willen«, fügte er hinzu, »finden Sie mir etwas von dem Alten.«

»Das ist eine seltsame Notiz«, sagte Mr. Utterson. »Wie kommen Sie dazu, sie zu öffnen?«

»Der Mann bei Maws war sehr verärgert, Sir, und er hat ihn mir zurückgeworfen wie ein Stück Dreck«, erwiderte Poole.

»Das ist zweifellos die Hand des Doktors; ist Ihnen das klar?«, fuhr der Anwalt fort.

»Ich dachte, es sähe so aus«, sagte der Diener etwas beleidigt. »Aber was macht die Hand des Schreibens aus?« sagte er. »Ich habe ihn gesehen!«

»Ihn gesehen?«, wiederholte Mr. Utterson. »Und?«

»Das war’s!« sagte Poole. »Es war so. Ich kam plötzlich aus dem Garten in den Operationssaal. Es scheint, dass er sich hinausgeschlichen hatte, um nach dieser Droge oder was auch immer zu suchen; denn die Tür zum Kabinett stand offen. Und da stand er am anderen Ende des Raumes und wühlte in den Kisten. Er sah auf, als ich hereinkam, stieß eine Art Schrei aus und stürzte die Treppe hinauf ins Kabinett. Ich sah ihn nur eine Minute lang, aber die Haare standen mir wie Stacheln auf dem Kopf. Herr, wenn das mein Herr war: warum hatte er dann eine Maske auf dem Gesicht? Wenn es mein Herr war: warum schrie er dann wie eine Ratte und lief vor mir davon? Ich habe ihm lange genug gedient. Und dann …« Er hielt inne und fuhr sich mit der Hand über das Gesicht.

»Das sind alles sehr merkwürdige Umstände«, sagte Mr. Utterson, »aber ich glaube, ich beginne, das Tageslicht zu sehen. Ihr Herr, Poole, ist offensichtlich von einer jener Krankheiten befallen, die den Leidenden sowohl quälen als auch entstellen. Daher, soviel ich weiß, die Veränderung seiner Stimme; daher die Maske und das Meiden seiner Freunde; daher sein Eifer, dieses Mittel zu finden, durch das die arme Seele eine gewisse Hoffnung auf endgültige Genesung behält – Gott gebe, dass er sich nicht täuschen lässt! Das ist meine Erklärung. Sie ist traurig genug, ja, und entsetzlich zu betrachten. Aber sie ist einfach und natürlich, passt gut zusammen und befreit uns von allen übertriebenen Alarmen.«

»Sir«, sagte der Butler und wurde etwas blass, »das Ding war nicht mein Herr, und das ist die Wahrheit. Mein Herr«, er sah sich um und begann zu flüstern, »ist ein großer, gut gebauter Mann, und das hier war eher ein Zwerg.«

Utterson versuchte zu protestieren.

»O, Sir«, rief Poole, »glauben Sie, ich kenne meinen Herrn nach zwanzig Jahren nicht? Meinen Sie, ich wüsste nicht, wo sein Kopf in der Kabinettstür auftaucht, wo ich ihn jeden Morgen meines Lebens gesehen habe? Nein, Sir, das Ding in der Maske war niemals Dr. Jekyll – Gott weiß, was es war –, aber es war niemals Dr. Jekyll. Und es ist die Überzeugung meines Herzens, dass ein Mord geschehen ist.«

»Poole«, erwiderte der Anwalt, »wenn Sie das sagen, wird es meine Pflicht sein, mich zu versichern. So sehr ich die Gefühle Ihres Herrn schonen möchte, so sehr mich diese Notiz, die zu beweisen scheint, dass er noch lebt, verwirrt, so sehr werde ich es für meine Pflicht halten, diese Tür einzubrechen.«

»Ah, Mr. Utterson, das klingt gut!«, rief der Butler.

»Und jetzt kommt die zweite Frage«, fuhr Utterson fort: »Wer wird es tun?«

»Sie und ich, Sir«, lautete die unerschrockene Antwort.

»Das ist sehr gut gesagt«, erwiderte der Anwalt, »und was auch immer dabei herauskommt, ich werde dafür sorgen, dass Sie nicht zu den Verlierern gehören.«

»Im Operationssaal gibt es eine Axt«, fuhr Poole fort, »und Sie könnten den Küchenschürhaken für sich selbst nehmen.«

Der Anwalt nahm das grobe, aber gewichtige Instrument in die Hand und wog es aus. »Wissen Sie, Poole«, sagte er und blickte auf, »dass Sie und ich dabei sind, uns in eine gefährliche Lage zu bringen?«

»Das können Sie wohl sagen, Sir«, erwiderte der Butler.

»Dann ist es nur recht, dass wir offen und ehrlich sind«, sagte der andere. »Wir denken beide mehr, als wir sagen. Lasst uns reinen Tisch machen. Diese maskierte Gestalt, die Sie gesehen haben, haben Sie sie erkannt?«

»Nun, Sir, es ging so schnell, und das Wesen war so verdreht, dass ich das kaum beschwören kann«, war die Antwort. »Aber wenn Sie meinen, ob es Mr. Hyde war – ja, ich glaube, er war es! Sehen Sie, es war genauso groß und hatte die gleiche schnelle, leichte Art, und wer sonst hätte durch die Labortür eindringen können? Sie haben doch nicht vergessen, Sir, dass er zur Zeit des Mordes den Schlüssel noch bei sich hatte? Aber das ist noch nicht alles. Ich weiß nicht, Mr. Utterson, ob Sie diesem Mr. Hyde jemals begegnet sind?«

»Ja«, sagte der Anwalt, »ich habe einmal mit ihm gesprochen.«

»Dann wissen Sie sicher so gut wie wir alle, dass dieser Herr etwas Seltsames an sich hatte. Etwas, das einem Mann eine Wendung verpasst – ich weiß nicht recht, wie ich es beschreiben soll, Sir – außer, dass man sich in seinem Mark irgendwie kalt und dünn fühlte.«

»Ich gebe zu, ich fühlte etwas von dem, was Sie beschreiben«, sagte Mr. Utterson.

»Ganz recht, Sir«, erwiderte Poole. »Als dieses maskierte Ding wie ein Affe zwischen den Chemikalien hervorsprang und in das Kabinett peitschte, lief es mir eiskalt den Rücken hinunter. O, ich weiß, es ist kein Beweis, Mr. Utterson; dafür bin ich buchkundig genug, aber ein Mann hat seine Gefühle, und ich gebe Ihnen mein Bibelwort, es war Mr. Hyde!«

»Aye, aye«, sagte der Anwalt. »Meine Befürchtungen gehen in die gleiche Richtung. Das Böse, fürchte ich, hat sich aus dieser Verbindung ergeben – das Böse musste kommen. Ja, wahrhaftig, ich glaube Ihnen. Ich glaube, der arme Harry ist tot. Und ich glaube, sein Mörder (zu welchem Zweck, kann nur Gott allein sagen) lauert noch immer im Zimmer seines Opfers. Nun, unser Name soll Rache sein. Ruft Bradshaw.«

Der Lakai kam auf die Aufforderung hin; sehr bleich und nervös.

»Nehmen Sie sich zusammen, Bradshaw«, sagte der Anwalt. »Ich weiß, dass diese Spannung Ihnen allen zu schaffen macht, aber wir haben die Absicht, ihr ein Ende zu setzen. Poole und ich werden uns den Weg ins Kabinett bahnen. Wenn alles gut geht, sind meine Schultern breit genug, um die Schuld zu tragen. In der Zwischenzeit müssen Sie und der Junge, für den Fall, dass etwas schiefgeht oder ein Übeltäter versucht auf der Rückseite zu entkommen, mit ein paar guten Stöcken um die Ecke gehen und an der Tür zum Laboratorium Stellung beziehen. Wir geben euch zehn Minuten, um auf eure Posten zu gehen.«

Als Bradshaw ging, schaute der Anwalt auf seine Uhr. »Und jetzt, Poole, gehen wir auf unseren«, sagte er und nahm den Schürhaken unter den Arm, um in den Hof zu gehen.

Tief treibende Wolken hatten sich über den Mond gelegt, und es war jetzt ziemlich dunkel. Der Wind, der nur in Böen und Luftzügen in das tiefe Gebäude eindrang, warf das Licht der Kerze auf ihren Schritten hin und her, bis sie in den Schutz des Operationssaals kamen, wo sie sich schweigend niederließen und warteten. Ringsum brummte London feierlich, aber in der Nähe wurde die Stille nur durch die Geräusche eines Schrittes durchbrochen, der auf dem Boden des Kabinetts hin und her ging.

»So wird es den ganzen Tag laufen, Sir«, flüsterte Poole, »und den größten Teil der Nacht. Nur wenn eine neue Probe vom Apotheker kommt, gibt es eine kleine Pause. Das schlechte Gewissen ist ein Feind der Ruhe! Sir, es wird bei jedem Schritt Blut vergossen! Aber horchen Sie noch einmal genauer – nehmen Sie das Herz in die Ohren, Mr. Utterson, und sagen Sie mir … ist das der Fuß des Doktors?«

Die Schritte fielen leicht und seltsam, mit einem gewissen Schwung, obwohl sie so langsam gingen. Es war, in der Tat, ganz anders als der schwere, knarrende Tritt von Henry Jekyll.

Utterson seufzte. »Gibt es nie etwas anderes?«, fragte er.

Poole nickte. »Einmal«, sagte er. »Einmal habe ich ein Weinen gehört!«

»Weinen?«, sagte der Anwalt und spürte einen plötzlichen Schauer des Entsetzens.

»Weinen wie eine Frau oder eine verlorene Seele«, sagte der Butler. »Ich bin mit der Gewissheit weggegangen, dass ich auch hätte weinen können.«

Doch nun gingen die zehn Minuten zu Ende. Poole kramte die Axt unter einem Stapel Packstroh hervor. Die Kerze wurde auf den nächsten Tisch gestellt, um ihnen Licht für den Angriff zu geben, und sie näherten sich mit angehaltenem Atem der Stelle, wo der geduldige Fuß in der Stille der Nacht immer noch auf und ab ging – auf und ab.

»Jekyll«, rief Utterson mit lauter Stimme, »ich verlange, Sie zu sehen.« Er hielt einen Moment inne, aber es kam keine Antwort. »Ich warne Sie, unser Verdacht ist geweckt, und ich muss und werde Sie sehen«, fuhr er fort, »wenn nicht mit fairen Mitteln, dann mit faulen – wenn nicht mit Ihrem Einverständnis, dann mit roher Gewalt!«

»Utterson«, sagte die Stimme, »um Gottes willen, habt Erbarmen!«

»Ah, das ist nicht Jekylls Stimme – es ist Hydes!« rief Utterson. »Nieder mit der Tür, Poole!«

Poole schwang die Axt über seine Schulter. Der Schlag erschütterte das Gebäude, und die rot gefrieste Tür sprang gegen Schloss und Scharniere. Ein düsteres Kreischen, wie das eines Tieres, erklang aus dem Kabinett. Wieder hob sich die Axt, und wieder krachten die Paneele und der Rahmen sprang. Viermal fiel der Schlag, aber das Holz war zäh und die Beschläge von hervorragender Qualität. Erst beim fünften Mal zersprang das Schloss, und das Wrack der Tür fiel nach innen auf den Teppich.

Die Belagerer, entsetzt über ihren eigenen Aufruhr und die Stille, die darauf folgte, traten ein wenig zurück und spähten hinein. Da lag das Kabinett vor ihren Augen im stillen Lampenlicht. Ein gutes Feuer glühte und knisterte in der Feuerstelle, der Kessel sang sein dünnes Lied, eine oder zwei Schubladen waren offen, Papiere ordentlich auf dem Arbeitstisch ausgebreitet, und näher am Feuer waren die Sachen für den Tee bereitgelegt. Das ruhigste Zimmer, hätte man sagen können, und abgesehen von den gläsernen Schränken voller Chemikalien, das gewöhnlichste in dieser Nacht in London.

Genau in der Mitte lag der Körper eines Mannes, der schwer verkrümmt war und immer noch zuckte. Sie näherten sich auf Zehenspitzen, drehten ihn auf den Rücken und erblickten das Gesicht von Edward Hyde. Er trug Kleidung, die viel zu groß für ihn war. Kleidung von der Größe des Arztes. Die Falten in seinem Gesicht bewegten sich noch mit einem Anschein von Leben, aber das Leben war gänzlich verschwunden, und durch die zerdrückte Phiole in der Hand und den starken Geruch von Kernen, der in der Luft hing, wusste Utterson, dass er den Körper eines Selbstzerstörers sah.

»Wir sind zu spät gekommen«, sagte er streng, »ob zur Rettung oder Bestrafung. Hyde ist auf seine Rechnung gegangen, und es bleibt uns nur noch, die Leiche eures Herrn zu finden.«

Der weitaus größere Teil des Gebäudes wurde vom Operationssaal eingenommen, der fast das gesamte Erdgeschoss ausfüllte und von oben beleuchtet wurde, sowie vom Kabinett, das an einem Ende ein Obergeschoss bildete und auf den Hof blickte. Ein Korridor verband den Operationssaal mit der Tür auf der Seitenstraße, und das Kabinett war durch eine zweite Treppe mit dieser verbunden. Außerdem gab es noch einige dunkle Schränke und einen geräumigen Keller. Alle diese Räume wurden nun gründlich untersucht. Jeder Schrank bedurfte nur eines kurzen Blickes, denn alle waren leer, und dem Staub, der von den Türen fiel, war zu entnehmen, dass sie schon lange nicht mehr geöffnet worden waren. Der Keller war mit verrücktem Gerümpel gefüllt, das größtenteils noch aus der Zeit des Chirurgen stammte, der Jekylls Vorgänger war. Aber schon als sie die Tür öffneten, wurden sie durch das Herabfallen einer perfekten Spinnwebenmatte, die den Eingang jahrelang verschlossen hatte, auf die Nutzlosigkeit einer weiteren Suche hingewiesen. Nirgendwo gab es eine Spur von Henry Jekyll, weder tot noch lebendig.

Poole stampfte auf die Fliesen des Korridors. »Er muss hier begraben sein«, sagte er, auf das Geräusch lauschend.

»Oder er ist geflohen«, sagte Utterson und drehte sich um, um die Tür in der Seitenstraße zu untersuchen. Sie war verschlossen, und der Schlüssel lag in der Nähe auf den Fliesen und war bereits mit Rost befleckt.

»Sieht nicht aus, als wäre er benutzt worden«, bemerkte der Anwalt.

»Benutzt!«, wiederholte Poole. »Sehen Sie nicht, Sir, dass er zerbrochen ist? Als hätte ein Mann darauf herumgetrampelt.«

»Ja«, fuhr Utterson fort, »und die Bruchstellen sind ebenfalls rostig.« Die beiden Männer sahen sich erschrocken an. »Das ist mir zu hoch, Poole«, sagte der Anwalt. »Lassen Sie uns zurück ins Kabinett gehen.«

Sie stiegen schweigend die Treppe hinauf und untersuchten, immer noch mit einem gelegentlichen ehrfürchtigen Blick auf den toten Körper, den Inhalt des Kabinetts genauer. Auf einem Tisch befanden sich Spuren chemischer Arbeit. Verschiedene abgemessene Haufen eines weißen Salzes, die auf Glasuntersetzer gelegt waren, wie für ein Experiment, an dem der unglückliche Mann gehindert worden war.

»Das ist dasselbe Mittel, das ich ihm immer gebracht habe«, sagte Poole, und noch während er sprach, kochte der Kessel mit einem erschreckenden Geräusch über.

Das brachte sie zum Kamin, wo der Sessel gemütlich hergerichtet war und das Teegeschirr zum Ellbogen des Sitzenden bereitstand; der Zucker in der Tasse. Auf einem Regal standen mehrere Bücher. Eines lag aufgeschlagen neben dem Teegeschirr, und Utterson war erstaunt, darin ein Exemplar eines frommen Werkes zu finden, für das Jekyll mehrfach seine große Wertschätzung zum Ausdruck gebracht hatte und das er eigenhändig mit erschreckenden Lästerungen kommentiert hatte.

Als Nächstes kamen die Suchenden bei ihrem Rundgang durch das Gemach zum Standspiegel, in dessen Tiefe sie mit unwillkürlichem Schrecken blickten. Er war so gedreht, dass sie nichts anderes sahen als den rosigen Schein, der auf dem Dach spielte, das Feuer, das in hundertfacher Wiederholung an der verglasten Front der Schränke funkelte, und ihre eigenen blassen und ängstlichen Mienen, die sich beugten, um hineinzuschauen.

»Dieses Glas hat schon seltsame Dinge gesehen, Sir«, flüsterte Poole.

»Und sicherlich nichts Seltsameres als sich selbst«, erwiderte der Anwalt im gleichen Ton. »Was hat Jekyll«, er fing sich bei dem Wort mit einem Schreck auf und überwand dann die Schwäche, »was könnte Jekyll damit wollen?« sagte er.

»Das dürfen Sie sagen!«, sagte Poole.

Dann wandten sie sich dem Arbeitstisch zu. Auf dem Schreibtisch, inmitten eines Stapels Akten, lag ein großer Umschlag, der, geschrieben in der Hand des Arztes, den Namen von Mr. Utterson trug. Der Anwalt öffnete ihn, und mehrere Beilagen fielen auf den Boden. Das erste war ein Testament, das in denselben exzentrischen Formulierungen abgefasst war wie das, das er sechs Monate zuvor zurückgegeben hatte, und das als Testament für den Todesfall und als Schenkungsurkunde für den Fall des Verschwindens dienen sollte. Doch anstelle des Namens von Edward Hyde las der Anwalt mit unbeschreiblichem Erstaunen den Namen Gabriel John Utterson. Er blickte zu Poole, dann wieder auf das Papier und zuletzt auf den toten Übeltäter, der auf dem Teppich lag.

»Mir schwirrt der Kopf«, sagte er. »Es befand sich all die Tage in seinem Besitz. Er hatte keinen Grund, mich zu mögen. Er muss wütend gewesen sein, sich selbst verdrängt zu sehen. Und trotzdem hat er dieses Dokument nicht vernichtet.«

Er nahm das nächste Papier in die Hand. Es war eine kurze Notiz in der Hand des Arztes und oben datiert. »O Poole!«, rief der Anwalt, »er war am Leben und an diesem Tag hier. Er kann nicht in so kurzer Zeit beseitigt worden sein; er muss noch am Leben sein, er muss geflohen sein! Aber warum ist er geflohen? Und wie? Und können wir es in diesem Fall wagen, dies als Selbstmord zu bezeichnen? O, wir müssen vorsichtig sein. Ich sehe voraus, dass wir deinen Herrn noch in eine schreckliche Katastrophe verwickeln könnten.«

»Warum lesen Sie es nicht, Sir?«, fragte Poole.

»Weil ich Angst habe«, antwortete der Anwalt feierlich. »Gott gebe, dass ich keinen Grund dazu habe!« Und damit hielt er sich das Papier vor die Augen und las wie folgt:

»Mein lieber Utterson – wenn dies in Ihre Hände fällt, werde ich verschwunden sein, unter welchen Umständen, vermag ich nicht vorauszusehen, aber mein Instinkt und alle Umstände meiner namenlosen Lage sagen mir, dass das Ende sicher ist und bald eintreten muss. Gehen Sie also und lesen Sie zuerst den Bericht, den Lanyon mir ankündigte, in Ihre Hände zu legen, und wenn Sie mehr hören wollen, lesen Sie das Geständnis
Ihres unwürdigen und unglücklichen Freundes – Henry Jekyll.«

»Es gab noch eine dritte Anlage?« fragte Utterson.

»Hier, Sir«, sagte Poole und drückte ihm ein beachtliches, an mehreren Stellen versiegeltes Päckchen in die Hand.

Der Anwalt steckte es in seine Tasche. »Ich möchte nichts über dieses Papier sagen. Wenn Ihr Herr geflohen oder tot ist, können wir wenigstens seine Ehre retten. Es ist jetzt zehn Uhr. Ich muss nach Hause gehen und diese Dokumente in Ruhe lesen. Ich werde vor Mitternacht zurück sein; dann werden wir die Polizei rufen.«

Sie gingen hinaus und schlossen die Tür des Operationssaals hinter sich. Utterson ließ die Dienerschaft noch einmal um das Feuer in der Halle versammelt zurück und stapfte in sein Büro, um die beiden Berichte zu lesen, in denen dieses Geheimnis nun erklärt werden sollte.

Kapitel 9

Dr. Lanyons Bericht

Lesezeit ca. 14 min

Am neunten Januar, also vor vier Tagen, erhielt ich mit der Abendzustellung einen eingeschriebenen Briefumschlag, adressiert in der Hand meines Kollegen und alten Schulkameraden Henry Jekyll. Ich war darüber sehr überrascht, denn wir hatten keineswegs die Gewohnheit, miteinander zu korrespondieren. Ich hatte den Mann gesehen: am Abend zuvor mit ihm zu Abend gegessen, und ich konnte mir nichts in unserem Verkehr vorstellen, was die Formalität eines Einschreibens rechtfertigen würde. Der Inhalt steigerte meine Verwunderung, denn der Brief lautete wie folgt:

Dezember, 18-

Lieber Lanyon – Sie sind einer meiner ältesten Freunde. Und obwohl wir in wissenschaftlichen Fragen manchmal unterschiedlicher Meinung waren, kann ich mich nicht erinnern, dass – zumindest von meiner Seite – unsere Zuneigung jemals gebrochen wäre. Es gab keinen Tag, an dem ich nicht meine linke Hand geopfert hätte, um Ihnen zu helfen, wenn Sie zu mir gesagt hätten: ›Jekyll – mein Leben, meine Ehre, meine Vernunft hängen von Ihnen ab‹. Lanyon – mein Leben, meine Ehre, meine Vernunft: Alles hängt von Ihrer Gnade ab. Wenn Sie mich heute Abend im Stich lassen, bin ich verloren. Nach dieser Vorrede könnten Sie annehmen, dass ich Sie um etwas Unehrenhaftes bitten werde. Urteilen Sie selbst.

Ich möchte, dass Sie alle anderen Verpflichtungen für heute Abend aufschieben – ja, selbst wenn Sie an das Bett eines Kaisers gerufen würden – eine Droschke nehmen, es sei denn, Ihre Kutsche steht schon vor der Tür, und mit diesem Brief in der Hand zur Beratung direkt zu meinem Haus fahren. Poole, mein Butler, hat seine Befehle. Sie werden ihn mit einem Schlosser auf Ihre Ankunft warten sehen. Die Tür meines Kabinetts soll dann aufgebrochen werden, und Sie sollen allein hineingehen; den verglasten Schrank (Buchstabe E) auf der linken Seite öffnen; das Schloss aufbrechen, wenn er verschlossen ist, und die vierte Schublade von oben oder (was dasselbe ist) die dritte von unten mit dem gesamten Inhalt herausziehen. In meiner äußersten Not habe ich die morbide Befürchtung, Sie in die Irre zu führen. Aber selbst wenn ich mich irren sollte, können Sie die richtige Schublade an ihrem Inhalt erkennen: einige Pulver, eine Phiole und ein Notizbuch. Ich bitte Sie, diese Schublade so wie sie ist, mit zum Cavendish Square zu nehmen.

Das ist der erste Teil des Dienstes: nun zum zweiten. Sie müssten, wenn Sie sich sofort nach Erhalt dieses Briefes auf den Weg machen würden, lange vor Mitternacht zurück sein, aber ich werde Ihnen diesen Spielraum lassen. Nicht nur aus Furcht vor einem jener Hindernisse, die man weder verhindern noch vorhersehen kann, sondern weil eine Stunde, in der Ihre Bediensteten im Bett sind, für das, was dann noch zu tun sein wird, vorzuziehen ist. Um Mitternacht muss ich Sie also bitten, allein in Ihrem Sprechzimmer zu sein, mit Ihrer eigenen Hand einen Mann ins Haus zu lassen, der sich in meinem Namen vorstellen wird, und ihm die Schublade zu übergeben, die Sie aus meinem Kabinett mitgebracht haben werden. Dann werden Sie Ihre Rolle gespielt und sich meine Dankbarkeit voll und ganz verdient haben. Fünf Minuten später, wenn Sie auf einer Erklärung bestehen, werden Sie begriffen haben, dass diese Vorkehrungen von großer Bedeutung sind, und dass Sie durch die Vernachlässigung einer dieser Vorkehrungen, so fantastisch sie auch erscheinen mögen, Ihr Gewissen mit meinem Tod oder dem Untergang meiner Vernunft belasten könnten.

So sicher ich auch bin, dass Sie mit dieser Bitte nicht leichtfertig umgehen werden, sinkt mein Herz. Und meine Hand zittert bei dem bloßen Gedanken an eine solche Möglichkeit. Stellen Sie sich vor, ich bin zu dieser Stunde an einem fremden Ort. Leide unter einer Dunkelheit der Not, die keine Fantasie übertreiben kann, und weiß doch, dass wenn Sie mir nur pünktlich dienen, meine Schwierigkeiten wie eine erzählte Geschichte vergehen werden. Dienen Sie mir, mein lieber Lanyon, und retten Sie

Ihren Freund,

H. J.

PS: Ich hatte diesen Brief bereits versiegelt, als ein neuer Schrecken über meine Seele hereinbrach. Es ist möglich, dass die Post mich im Stich lässt und dieser Brief nicht vor morgen früh in Ihre Hände gelangt. In diesem Fall, lieber Lanyon, erledigen Sie meinen Auftrag, wenn es Ihnen im Laufe des Tages am günstigsten erscheint, und erwarten Sie meinen Boten noch einmal um Mitternacht. Dann kann es schon zu spät sein. Und wenn diese Nacht ohne Ereignis vergeht, werden Sie wissen, dass Sie Henry Jekyll zum letzten Mal gesehen haben.«

Nach der Lektüre dieses Briefes war ich mir sicher, dass mein Kollege wahnsinnig war. Bis dies jedoch zweifelsfrei bewiesen war, fühlte ich mich verpflichtet, seiner Bitte nachzukommen. Je weniger ich von dieser Farce verstand, desto weniger war ich in der Lage, ihre Bedeutung zu beurteilen, und ein so formulierter Appell konnte nicht ohne schwere Verantwortung beiseite gelegt werden. Folglich erhob ich mich vom Tisch, stieg in eine Kutsche und fuhr direkt zu Jekylls Haus.

Der Butler erwartete meine Ankunft. Er hatte mit der gleichen Post wie ich ein Einschreiben erhalten, und sofort einen Schlosser und einen Schreiner kommen lassen. Die Gewerbsleute kamen, während wir noch sprachen, und wir begaben uns in einem Zug in den Operationssaal des alten Dr. Denman, von dem aus man (wie Sie zweifellos wissen) am bequemsten in Jekylls Privatkabinett gelangt. Die Tür war sehr stark, das Schloss ausgezeichnet. Der Schreiner erklärte, er würde große Mühe haben und viel Schaden anrichten, wenn er Gewalt anwenden müsste, und der Schlosser war der Verzweiflung nahe. Aber dieser war ein geschickter Kerl, und nach zwei Stunden Arbeit stand die Tür offen. Der mit E bezeichnete Schrank war unverschlossen. Ich nahm die Schublade heraus, ließ sie mit Stroh füllen und in ein Tuch einbinden, und kehrte damit zum Cavendish Square zurück.

Hier untersuchte ich den Inhalt. Die Pulver waren sauber genug zusammengestellt, aber nicht mit der Sorgfalt eines Apothekers, sodass es offensichtlich war, dass sie von Jekylls privater Herstellung stammten. Als ich eine der Umhüllungen öffnete, fand ich etwas, das mir ein einfaches kristallines Salz von weißer Farbe zu sein schien. Die Phiole, der ich als nächstes meine Aufmerksamkeit zuwandte, mochte etwa zur Hälfte mit einer blutroten Flüssigkeit gefüllt sein, die für den Geruchssinn penetrant war und mir Phosphor und etwas flüchtigen Äther zu enthalten schien. Über die anderen Bestandteile konnte ich keine Vermutung anstellen. Das Buch war ein gewöhnliches Heft und enthielt nichts weiter als eine Reihe von Daten. Diese deckten einen Zeitraum von vielen Jahren ab, aber ich stellte fest, dass die Einträge vor fast einem Jahr abrupt aufhörten. Hier und da wurde eine kurze Bemerkung an ein Datum angehängt, in der Regel nicht mehr als ein einziges Wort: »doppelt« kommt vielleicht sechsmal in einer Gesamtzahl von mehreren hundert Einträgen vor, und einmal ganz am Anfang der Liste, gefolgt von mehreren Ausrufezeichen: »Fehlschlag!!!« All dies machte mich zwar neugierig, sagte mir aber wenig Konkretes. Es handelte sich um eine Phiole mit irgendeinem Salz und die Aufzeichnung einer Reihe von Experimenten, die (wie viele von Jekylls Untersuchungen) zu keinem Ende des praktischen Nutzens geführt hatten.

Wie könnte die Anwesenheit dieser Gegenstände in meinem Haus die Ehre, den Verstand oder das Leben meines flatterhaften Kollegen beeinträchtigen? Wenn sein Bote an einen Ort gehen konnte, warum nicht auch an einen anderen? Und selbst wenn es ein Hindernis gäbe, warum sollte dieser Herr von mir im Geheimen empfangen werden? Je mehr ich darüber nachdachte, desto überzeugter war ich, dass ich es mit einer Erkrankung des Gehirns zu tun hatte. Und obwohl ich meine Diener zu Bett schickte, lud ich einen alten Revolver, um mich in irgendeiner Weise selbst verteidigen zu können.

Kaum war es zwölf Uhr in London, klopfte es leise an der Tür. Ich folgte der Aufforderung und fand einen kleinen Mann vor, der gegen die Säulen des Portikus kauerte.

»Kommen Sie von Dr. Jekyll?« fragte ich.

Er bejahte mit einer krampfhaften Geste, und als ich ihn bat einzutreten, gehorchte er mir, nicht ohne einen prüfenden Blick zurück in die Dunkelheit des Platzes. Nicht weit entfernt stand ein Polizist, der sich mit offenem Auge näherte. Bei diesem Anblick, so dachte ich, schreckte mein Besucher auf und beeilte sich noch mehr.

Ich gestehe, dass mir diese Einzelheiten unangenehm auffielen, und während ich ihm in das helle Licht des Sprechzimmers folgte, hielt ich meine Hand bereit an der Waffe. Hier hatte ich endlich die Möglichkeit, ihn genau zu sehen. Ich hatte ihn noch nie zuvor gesehen, so viel war sicher. Er war, wie gesagt, klein. Außerdem fielen mir der schockierende Gesichtsausdruck, die bemerkenswerte Kombination aus großer Muskelkraft und scheinbar schwacher Verfassung und – nicht zuletzt – die merkwürdige, subjektive Unruhe auf, die durch seine Anwesenheit verursacht wurde. Diese hatte eine gewisse Ähnlichkeit mit einer beginnenden Starre und war von einem deutlichen Absinken des Pulses begleitet. Damals führte ich es auf eine idiosynkratische, persönliche Abneigung zurück und wunderte mich nur über die Akuität der Symptome, aber seither habe ich Grund zur Annahme, dass die Ursache viel tiefer in der Natur des Menschen liegt und auf einem edleren Fundament als dem Prinzip des Hasses beruht.

Diese Person – die vom ersten Augenblick ihres Erscheinens an eine Neugier in mir erweckt hatte, die ich nur als ekelhaft bezeichnen kann – war in einer Weise gekleidet, die einen gewöhnlichen Menschen lächerlich gemacht hätte. Seine Kleidung, obwohl sie aus prächtigem und vernünftigem Stoff war, war in jeder Hinsicht viel zu groß für ihn. Die Hosen hingen an seinen Beinen und waren aufgerollt, um sie vom Boden fernzuhalten. Die Taille des Mantels lag unter seinen Hüften, und der Kragen lag weit über seinen Schultern. Seltsamerweise war ich weit davon entfernt, über diese lächerliche Ausstattung zu lachen. Im Gegenteil. Da etwas Abnormes und Falsches im Wesen der Kreatur, die mir nun gegenüberstand, lag – etwas Ergreifendes, Überraschendes und Abscheuliches –, schien diese neue Ungleichheit nur dazu zu passen und es zu verstärken, sodass zu meinem Interesse an der Natur und dem Charakter des Mannes, eine Neugier auf seine Herkunft, sein Leben, sein Vermögen und seine Stellung in der Welt hinzukam.

Obwohl diese Beobachtungen einen so großen Raum einnahmen, waren sie doch das Werk von wenigen Sekunden. Mein Besucher brannte in der Tat vor dunkler Aufregung.

»Haben Sie sie?«, rief er. »Haben Sie sie?« Seine Ungeduld war so lebhaft, dass er sogar seine Hand auf meinen Arm legte und versuchte, mich zu schütteln.

Ich wies ihn zurück, weil ich bei seiner Berührung einen gewissen eisigen Schmerz in meinem Blut spürte. »Kommen Sie, Sir«, sagte ich. »Sie vergessen, dass ich noch nicht das Vergnügen Ihrer Bekanntschaft hatte. Setzen Sie sich, wenn Sie möchten.« Ich war ihm ein Beispiel und setzte mich auf meinen gewohnten Platz, wobei ich mein übliches Verhalten gegenüber einem Patienten so gut imitierte, wie es mir die späte Stunde, die Art meiner Voreingenommenheit und das Entsetzen über meinen Besucher erlaubte.

»Ich bitte um Verzeihung, Dr. Lanyon«, erwiderte er höflich genug. »Was Sie sagen, ist sehr gut begründet, und meine Ungeduld hat meiner Höflichkeit die Ferse gezeigt. Ich bin auf Veranlassung Ihres Kollegen, Dr. Henry Jekyll, in einer wichtigen Angelegenheit hierher gekommen, und ich habe verstanden …« Er hielt inne und hielt sich die Hand an den Hals, und ich konnte trotz seines gefassten Auftretens sehen, dass er gegen den Anflug von Hysterie ankämpfte. »Ich habe verstanden … eine Schublade …«

Aber hier hatte ich Mitleid mit der Spannung meines Besuchers, und vielleicht auch mit meiner eigenen wachsenden Neugierde.

»Da ist sie, Sir«, sagte ich und deutete auf die Schublade, die hinter einem Tisch auf dem Boden lag und noch immer mit dem Tuch bedeckt war.

Er sprang darauf zu, hielt dann inne und legte die Hand auf sein Herz. Ich hörte, wie seine Zähne knirschten, weil sein Kiefer krampfhaft zuckte. Sein Gesicht war so schrecklich anzusehen, dass ich Angst um sein Leben und seinen Verstand bekam.

»Beruhigen Sie sich«, sagte ich.

Er schenkte mir ein furchtbares Lächeln und riss mit dem Entschluss der Verzweiflung das Tuch weg. Als er den Inhalt sah, stieß er einen so lauten Schluchzer der Erleichterung aus, dass ich wie versteinert dasaß. Und im nächsten Moment fragte er mit einer Stimme, die er wieder einigermaßen unter Kontrolle hatte: »Haben Sie ein Messglas?«

Ich erhob mich mühsam von meinem Platz und gab ihm, was er verlangte.

Er bedankte sich mit einem lächelnden Nicken, maß ein paar Minimen der roten Tinktur ab und fügte eines der Pulver hinzu. Das Gemisch, das zunächst einen rötlichen Farbton aufwies, begann, je mehr die Kristalle schmolzen, eine hellere Farbe anzunehmen, hörbar zu sprudeln und kleine Dämpfe auszustoßen. Plötzlich und im selben Moment hörte das Sprudeln auf, und die Verbindung ging in ein dunkles Violett über, das wiederum langsam zu einem wässrigen Grün verblasste. Mein Besucher, der diese Metamorphose mit wachem Auge beobachtet hatte, lächelte, stellte das Glas auf den Tisch, drehte sich um und sah mich prüfend an.

»Und nun«, sagte er, »um zu klären, was bleibt. Wollen Sie weise sein? Wollen Sie sich leiten lassen? Wollen Sie zulassen, dass ich dieses Glas in die Hand nehme und ohne weitere Unterredung aus Ihrem Haus gehe? Oder hat die Gier der Neugier zu sehr die Oberhand über Sie? Denken Sie nach, bevor Sie antworten, denn es soll geschehen, wie Sie entscheiden. Wie Sie sich entscheiden, sollen Sie bleiben, wie Sie waren, weder reicher noch weiser – es sei denn, der Sinn des Dienstes, der einem Menschen in Todesnot erwiesen wurde, kann als eine Art Reichtum der Seele betrachtet werden. Oder, wenn Sie es vorziehen, sich so zu entscheiden, wird Ihnen hier, in diesem Raum, auf der Stelle ein neues Gebiet des Wissens und neue Wege zu Ruhm und Macht eröffnet werden, und Ihr Anblick wird durch ein Wunder, das den Unglauben des Satans ins Wanken bringt, erschüttert werden.«

»Sie«, sagte ich mit einer Kühle, die ich bei weitem nicht besaß, »Sie sprechen in Rätseln, und Sie werden sich vielleicht nicht wundern, dass ich Sie nicht mit einem sehr starken Eindruck des Glaubens höre. Aber ich bin auf dem Weg der unerklärlichen Dienste zu weit gegangen, um innezuhalten, bevor ich das Ende sehe.«

»Nun denn«, antwortete mein Besucher. »Lanyon, Sie erinnern sich an Ihr Gelübde. Was folgt, steht unter dem Siegel unseres Berufs. Und nun, Sie, der Sie so lange den engsten und materiellen Ansichten verhaftet waren. Sie, der Sie die Tugend der transzendentalen Medizin verleugnet haben. Sie, der Sie ihren Vorgesetzten verhöhnt haben – Sehen Sie!«

Er setzte das Glas an die Lippen und trank es mit einem Schluck. Ein Schrei folgte. Er taumelte, schwankte, klammerte sich an den Tisch und hielt sich fest, starrte mit aufgerissenen Augen, keuchte mit offenem Mund, und als ich hinschaute, kam mir eine Veränderung vor. Er schien anzuschwellen – sein Gesicht wurde plötzlich schwarz, und die Züge schienen zu schmelzen und sich zu verändern. Und im nächsten Moment war ich aufgesprungen und sprang mit dem Rücken gegen die Wand, die Arme erhoben, um mich vor diesem Wunder zu schützen. Mein Geist versank in Schrecken.

»O Gott!« schrie ich, »O Gott!« wieder und wieder. Denn da, vor meinen Augen – bleich und erschüttert, halb ohnmächtig und mit den Händen vor sich hintastend, wie ein vom Tode erholter Mensch – stand Henry Jekyll!

Was er mir in der nächsten Stunde erzählte, vermag ich nicht zu Papier zu bringen. Ich sah, was ich sah. Ich hörte, was ich hörte, und es tat mir in der Seele weh. Und doch frage ich mich jetzt, da der Anblick meinen Augen entschwunden ist, ob ich es glaube – und ich kann nicht antworten.

Mein Leben ist in seinen Grundfesten erschüttert. Der Schlaf hat mich verlassen. Der tödlichste Schrecken sitzt zu allen Stunden des Tages und der Nacht neben mir. Und ich fühle, dass meine Tage gezählt sind und dass ich sterben muss. Und doch werde ich ungläubig sterben. Was die moralische Verworfenheit betrifft, die der Mensch mir enthüllt hat, so kann ich – selbst mit Tränen der Reue – nicht einmal in der Erinnerung daran verweilen, ohne einen Schreck zu bekommen. Ich werde nur eines sagen, Utterson, und das (wenn Sie Ihren Verstand dazu bringen können, es zu glauben) wird mehr als genug sein.

Die Kreatur, die sich in jener Nacht in mein Haus schlich, war nach Jekylls eigenem Geständnis unter dem Namen Hyde bekannt, und wurde in allen Teilen des Landes als der Mörder von Carew gesucht.

Hastie Lanyon

Kapitel 10

Dr. Jekylls vollständige Erklärung des Falles

Lesezeit ca. 34 min

Ich wurde im Jahre 18- mit einem großen Vermögen geboren. Außerdem mit ausgezeichneten Anlagen ausgestattet, von Natur aus zum Fleiß geneigt, dem Respekt der Weisen und Guten unter meinen Mitmenschen zugetan und somit, wie man hätte annehmen können, mit jeder Garantie für eine ehrenvolle und angesehene Zukunft.

Und in der Tat war der schlimmste meiner Fehler eine gewisse ungeduldige Fröhlichkeit des Gemüts, wie sie vielen zum Glück gereicht hat, die ich aber nur schwer mit meinem unbedingten Wunsch vereinbaren konnte, meinen Kopf hoch zu tragen und vor der Öffentlichkeit eine mehr als gewöhnlich Haltung zu zeigen.

So kam es, dass ich meine Vergnügungen verbarg, und dass ich, als ich in die Jahre der Besinnung kam und begann, eine Bilanz meines Fortschritts und meiner Stellung in der Welt zu ziehen, bereits zu einer tiefen Doppelzüngigkeit meiner selbst verpflichtet war.

Manch einer hätte solche Regelwidrigkeiten, deren ich mich schuldig gemacht hatte, sogar gepriesen, aber wegen der hohen Ansprüche, die ich an mich gestellt hatte, betrachtete und verbarg ich sie mit einem fast krankhaften Gefühl der Scham.

Es war also eher die anspruchsvolle Natur meiner Bestrebungen als irgendeine besondere Herabwürdigung meiner Fehler, die mich zu dem machte, was ich war, und die jene Provinzen des Guten und Bösen in mir, welche die Doppelnatur des Menschen ausmachen, mit einem noch tieferen Graben trennte als bei der Mehrzahl der Menschen.

In diesem Fall wurde ich dazu getrieben, tief und unerbittlich über jenes harte Gesetz des Lebens nachzudenken, das an der Wurzel der Religion liegt und eine der ergiebigsten Quellen des Kummers ist.

Obwohl ich ein so tiefsinniger Betrüger war, war ich in keiner Weise ein Heuchler. Beide Seiten von mir waren todernst. Ich war nicht weniger ich selbst, wenn ich die Hemmungen ablegte und mich in die Schande stürzte, als wenn ich mich im Angesicht des Tages für die Förderung der Erkenntnis oder die Linderung von Kummer und Leid einsetzte.

Es traf sich, dass die Richtung meiner wissenschaftlichen Studien, die gänzlich auf das Mystische und Transzendentale ausgerichtet waren, rückwirkte, und ein starkes Licht auf dieses Bewusstsein des immerwährenden Krieges unter meinen Gliedern warf.

Mit jedem Tag und von beiden Seiten meiner Intelligenz, der moralischen und der intellektuellen, kam ich so der Wahrheit immer näher, durch deren teilweise Entdeckung ich zu einem so schrecklichen Schiffbruch verurteilt worden war: dass der Mensch wahrhaftig nicht eins, sondern zwei ist.

Ich sage zwei, weil der Stand meiner eigenen Erkenntnis nicht über diesen Punkt hinausgeht.

Andere werden folgen. Andere werden mich in der gleichen Richtung überholen, und ich wage die Vermutung, dass der Mensch schließlich als ein bloßes Gemeinwesen von vielfältigen, unvereinbaren und unabhängigen Bewohnern bekannt sein wird.

Ich, für meinen Teil, habe mich von der Natur meines Lebens her unfehlbar in eine Richtung, und nur in eine Richtung entwickelt.

Es war auf der moralischen Seite und in meiner eigenen Person, dass ich lernte, die vollständige und primitive Dualität des Menschen zu erkennen. Ich erkannte, dass zwei Veranlagungen in meinem Bewusstsein konkurrierten. Und selbst, wenn man mich richtigerweise als eine von beiden bezeichnen könnte, dann nur, weil ich beide war. Und von einem frühen Zeitpunkt an, sogar bevor der Verlauf meiner wissenschaftlichen Entdeckungen begonnen hatte die bloße Möglichkeit eines solchen Wunders anzudeuten, hatte ich gelernt, mit Vergnügen, wie ein geliebter Tagtraum, bei dem Gedanken der Trennung dieser Elemente zu verweilen.

Wenn beide, so sagte ich mir, in getrennten Identitäten untergebracht werden könnten, wäre das Leben von allem Unerträglichen befreit. Der Ungerechte könnte seinen Weg gehen, befreit von den Bestrebungen und Gewissensbissen seines rechtschaffenen Zwillings, und der Gerechte könnte unerschütterlich und sicher auf seinem aufsteigenden Pfad wandeln, die guten Dinge tun, an denen er sein Vergnügen fand, und nicht länger der Schande und Reue durch die Hände dieses fremden Übels ausgesetzt sein.

Es war der Fluch der Menschheit, dass diese nicht zu vereinbarenden Seelen auf diese Weise aneinander gebunden waren – dass diese polaren Zwillinge im gequälten Schoß des Bewusstseins ständig miteinander rangen.

Wie konnten sie sich also voneinander trennen?

Ich war so weit in meinen Überlegungen, als, wie ich schon sagte, vom Labortisch aus ein Licht auf das Thema zu scheinen begann.

Ich begann, die zitternde Immaterialität, die nebelhafte Vergänglichkeit dieses scheinbar so festen Körpers, in dem wir uns bewegen, tiefer wahrzunehmen, als es je verkündet worden war.

Ich fand heraus, dass bestimmte Wirkstoffe die Macht haben, dieses fleischliche Gewand zu schütteln und zurückzureißen, so wie ein Wind die Vorhänge eines Pavillons umherwirft.

Aus zwei guten Gründen werde ich diesen wissenschaftlichen Zweig meines Bekenntnisses nicht näher ausführen.

Erstens, weil ich lernen musste, dass das Schicksal und die Bürde unseres Lebens für immer auf den Schultern des Menschen lasten, und wenn man versucht sie abzuwerfen, kehren sie nur mit einem noch ungewohnteren und schrecklicheren Druck zu uns zurück.

Zweitens, weil meine Entdeckungen unvollständig waren; wie meine Erzählung leider nur zu deutlich machen wird.

Nicht nur, dass ich meinen natürlichen Körper aus der bloßen Aura und dem Glanz bestimmter Kräfte, die meinen Geist ausmachten, erkannte, sondern es gelang mir, ein Mittel zusammenzusetzen, durch das diese Kräfte von ihrer Vorherrschaft entthront und durch eine zweite Form und ein zweites Antlitz ersetzt werden sollten, die für mich nicht weniger natürlich waren, weil sie der Ausdruck und das Gepräge niederer Elemente in meiner Seele waren.

Ich habe lange gezögert, bevor ich diese Theorie in der Praxis erprobt habe. Ich wusste sehr wohl, dass ich den Tod riskierte; denn jede Droge, die die Festung der Identität so stark kontrollierte und erschütterte, konnte beim geringsten Zweifel einer Überdosis oder bei der geringsten Ungelegenheit im Moment der Darbietung, das immaterielle Tabernakel, das ich durch sie zu verändern hoffte, völlig auslöschen. Aber die Verlockung einer so einzigartigen und tiefgründigen Entdeckung überwog schließlich die Befürchtungen. Ich hatte meine Tinktur schon lange vorbereitet. Ich kaufte sofort bei einem Großapotheker eine große Menge eines bestimmten Salzes, von dem ich aus meinen Experimenten wusste, dass es die letzte Zutat war, die ich brauchte, und spät in einer verwünschten Nacht mischte ich die Elemente zusammen, sah zu, wie sie zusammen im Glas kochten und rauchten, und als das Sieden abgeklungen war, trank ich den Trank mit einer starken Glut des Mutes aus.

Es folgten die schlimmsten Qualen: ein Knirschen in den Knochen, tödliche Übelkeit und ein Entsetzen des Geistes, das in der Stunde der Geburt oder des Todes nicht übertroffen werden kann. Dann ließen diese Qualen rasch nach, und ich kam zu mir, als ob ich von einer großen Krankheit befreit wäre. Meine Empfindungen hatten etwas Seltsames an sich, etwas unbeschreiblich Neues und, gerade weil es neu war, etwas unglaublich Süßes. Ich fühlte mich jünger, leichter, glücklicher im Körper. Im Innern war ich mir eines berauschenden Leichtsinns bewusst. Eines Stroms ungeordneter sinnlicher Bilder, die wie ein Mühlrad in meiner Fantasie liefen, einer Lösung von den Fesseln der Verpflichtung, einer unbekannten, aber nicht unschuldigen Freiheit der Seele. Ich wusste, dass ich mit dem ersten Atemzug dieses neuen Lebens noch böser, zehnmal böser, als Sklave meines ursprünglichen Bösen verkauft war, und der Gedanke daran beflügelte und erfreute mich in diesem Augenblick wie Wein. Ich streckte meine Hände aus, frohlockend in der Frische dieser Empfindungen, und bei diesem Akt wurde mir plötzlich bewusst, dass ich an Größe verloren hatte.

Damals gab es in meinem Zimmer keinen Spiegel. Der, der neben mir steht, während ich schreibe, wurde erst später und nur zum Zweck dieser Verwandlungen dorthin gebracht. Die Nacht war jedoch schon weit in den Morgen hineingegangen – der Morgen, so schwarz er auch war, war fast reif für die Empfängnis des Tages – die Bewohner meines Hauses waren in den strengsten Stunden des Schlummers eingeschlossen, und ich beschloss, errötet von Hoffnung und Triumph, mich in meiner neuen Gestalt bis zu meinem Schlafzimmer zu wagen. Ich überquerte den Hof, von dem aus die Sternbilder auf mich herabblickten, und hätte mit Erstaunen denken können, dass ich das erste Geschöpf dieser Art war, das ihre schlaflose Wachsamkeit ihnen bisher enthüllt hatte. Ich stahl mich durch die Korridore, ein Fremder in meinem eigenen Haus, und als ich in mein Zimmer kam, sah ich zum ersten Mal die Erscheinung von Edward Hyde.

Ich muss hier nur theoretisch sprechen und nicht das sagen, was ich weiß, sondern das, was ich für am wahrscheinlichsten halte. Die böse Seite meiner Natur, der ich nun die prägende Wirkungskraft übertragen hatte, war weniger stark und weniger entwickelt als die gute, die ich soeben abgelegt hatte. Auch war sie im Laufe meines Lebens, das ja zu neun Zehnteln ein Leben der Anstrengung, der Tugend und der Beherrschung gewesen war, viel weniger trainiert und viel weniger verbraucht worden. Und daher kam es, wie ich glaube, dass Edward Hyde so viel kleiner, schmächtiger und jünger war als Henry Jekyll. So wie das Gute im Antlitz des einen leuchtete, so stand das Böse breit und deutlich im Gesicht des anderen geschrieben. Das Böse (das ich immer noch für die todbringende Seite des Menschen halte) hatte auf diesem Körper einen Abdruck von Missbildung und Verfall hinterlassen. Und doch, als ich dieses hässliche Idol im Glas betrachtete, war ich mir keiner Abneigung bewusst, eher eines Sprungs des Willkommens. Auch das war ich selbst. Es schien natürlich und menschlich. In meinen Augen trug es ein lebendigeres Abbild des Geistes. Es schien ausdrücklicher und einheitlicher zu sein als das unvollkommene und gespaltene Antlitz, das ich bis dahin gewohnt war, das meine zu nennen. Und in dieser Hinsicht hatte ich zweifellos recht. Ich habe beobachtet, dass, als ich die Gestalt von Edward Hyde trug, sich mir zunächst niemand nähern konnte, ohne dass er ein sichtbares Misstrauen gegenüber dem Fleisch empfand. Ich glaube, das lag daran, dass alle Menschen, denen wir begegnen, eine Mischung aus Gut und Böse sind, und Edward Hyde, der Einzige in den Reihen der Menschheit war, der das reine Böse verkörperte.

Ich verweilte nur einen Augenblick vor dem Spiegel: das zweite und endgültige Experiment musste noch versucht werden. Es musste sich noch herausstellen, ob ich meine Identität unwiederbringlich verloren hatte und vor Tagesanbruch aus einem Haus fliehen musste, das nicht mehr das meine war. Ich eilte zurück in mein Kabinett, bereitete erneut den Becher zu und trank ihn, erlitt erneut die Schmerzen der Auflösung und kam erneut mit dem Charakter, der Statur und dem Gesicht von Henry Jekyll zu mir.

In dieser Nacht war ich an den verhängnisvollen Scheideweg gekommen. Wäre ich mit einem edleren Geist an meine Entdeckung herangegangen, hätte ich das Experiment unter der Herrschaft großzügiger oder frommer Bestrebungen gewagt, so wäre alles anders gekommen, und aus diesen Todes- und Geburtsqualen wäre ich als Engel statt als Unhold hervorgegangen. Die Droge hatte keine diskriminierende Wirkung. Sie war weder teuflisch noch göttlich. Sie rüttelte nur an den Türen des Gefängnisses meiner Veranlagung, und wie die Gefangenen von Philippi: Was darin war, lief heraus. Zu dieser Zeit schlummerte meine Tugend. Mein Böses, vom Ehrgeiz wachgehalten, war wachsam und schnell, um die Gelegenheit zu ergreifen, und das Ding, das entworfen wurde, war Edward Hyde. Obwohl ich nun zwei Persönlichkeiten, und zwei Erscheinungen hatte, war der eine ganz und gar böse, und der andere war immer noch der alte Henry Jekyll; diese unvereinbare Mischung, an deren Erneuerung und Verbesserung ich bereits zu verzweifeln gelernt hatte. Die Entwicklung war also ganz und gar zum Schlechten.

Selbst zu dieser Zeit hatte ich meine Abneigung gegen die Trockenheit des Studiums noch nicht überwunden. Zuweilen war ich immer noch fröhlich, und da meine Vergnügungen (gelinde gesagt) würdelos waren und ich nicht nur bekannt und hoch angesehen war, sondern mich auch immer mehr zum älteren Mann entwickelte, wurde diese Unvereinbarkeit meines Lebens immer unwillkommener. Auf dieser Seite verführte mich meine neue Macht, bis ich in die Sklaverei fiel. Ich brauchte nur den Kelch zu trinken, den Körper des berühmten Professors abzulegen und wie einen dicken Mantel den von Edward Hyde anzunehmen. Ich lächelte über diese Vorstellung, die mir damals sehr humorvoll erschien, und traf meine Vorbereitungen mit größter Sorgfalt. Ich nahm das Haus in Soho, in dem Hyde von der Polizei aufgespürt worden war, und richtete es ein. Als Haushälterin stellte ich eine Person ein, von der ich wusste, dass sie still und skrupellos war. Auf der anderen Seite kündigte ich meinen Bediensteten an, dass ein Mr. Hyde (den ich beschrieben hatte) in meinem Haus am Platz volle Freiheit und Macht haben sollte, und um Missgeschicke zu vermeiden, rief ich sogar mich selbst an und machte mich zu einem vertrauten Objekt, in meiner zweiten Rolle. Als Nächstes setzte ich das Testament auf, gegen das Sie so viel einzuwenden hatten, sodass ich, falls mir in der Person von Dr. Jekyll etwas zustoßen sollte, ohne finanziellen Verlust in die von Edward Hyde eintreten konnte. Auf diese Weise in jeder Hinsicht gestärkt, wie ich annahm, begann ich, von den seltsamen Vorteilen meiner Position zu profitieren.

Männer haben schon früher Banditen angeheuert, um ihre Verbrechen zu begehen, während ihre eigene Person und ihr Ruf geschützt waren. Ich war der erste, der dies zu seinem Vergnügen tat. Ich war der erste, der sich in der Öffentlichkeit mit einer Ladung genialer Ehrbarkeit abmühen konnte, um im nächsten Moment wie ein Schuljunge diese Verleihungen abzustreifen und sich kopfüber in das Meer der Freiheit zu stürzen. Aber für mich, in meiner undurchdringlichen Hülle, war die Sicherheit vollkommen. Stellen Sie sich vor – ich existierte nicht einmal! Lasst mich nur durch die Tür meines Labors entkommen, gebt mir nur ein oder zwei Sekunden, um den Trank zu mischen und zu schlucken, den ich immer parat hatte, und was auch immer er getan hatte, Edward Hyde würde verschwinden wie der Fleck des Hauchs auf einem Spiegel, und an seiner Stelle, ruhig zu Hause, die Mitternachtslampe in seinem Arbeitszimmer anzündend, würde ein Mann stehen, der es sich leisten konnte, über den Verdacht zu lachen – Henry Jekyll.

Die Vergnügungen, die ich in meiner Verkleidung eilig suchte, waren, wie ich schon sagte, würdelos; ich würde kaum einen härteren Ausdruck verwenden. Aber in den Händen von Edward Hyde begannen sie sich bald ins Ungeheuerliche zu wenden. Wenn ich von diesen Ausflügen zurückkam, war ich oft von einer Art Verwunderung über meine stellvertretende Verdorbenheit ergriffen. Dieser Vertraute, den ich aus meiner eigenen Seele herausgerufen und allein ausgesandt hatte, um ihm Gutes zu tun, war ein Wesen, das von Natur aus bösartig und niederträchtig war. Jede Handlung und jeder Gedanke drehte sich um ihn selbst. Er vergnügte sich mit bestialischer Gier an jedem Grad von Folter. Er war unerbittlich wie ein Mann aus Stein. Henry Jekyll stand zuweilen entsetzt vor den Taten von Edward Hyde, aber die Situation war außerhalb der gewöhnlichen Gesetze und lockerte schleichend den Griff des Gewissens. Schließlich war es Hyde, und nur Hyde, der schuldig war. Jekyll ging es nicht schlechter. Er erwachte wieder mit seinen guten Eigenschaften, die scheinbar unbeeinträchtigt waren. Er würde sich sogar beeilen, wo es möglich war, das von Hyde begangene Übel ungeschehen zu machen. Und so schlummerte sein Gewissen.

In die Einzelheiten der Schandtat, die ich auf diese Weise beging, will ich nicht eindringen (denn selbst jetzt kann ich kaum zugeben, dass ich sie begangen habe). Ich will nur die Warnungen und die aufeinanderfolgenden Schritte aufzeigen, mit denen sich meine Bestrafung näherte. Ich hatte einen Unfall, den ich, da er keine Folgen hatte, nur erwähnen will. Eine Grausamkeit gegen ein Kind erregte den Zorn eines Passanten gegen mich, den ich neulich in der Person Ihres Verwandten erkannte. Der Arzt und die Familie des Kindes schlossen sich ihm an. Es gab Momente, in denen ich um mein Leben fürchtete, und schließlich musste Edward Hyde, um ihren allzu gerechten Groll zu besänftigen, sie zur Tür bringen und sie mit einem, auf den Namen Henry Jekyll ausgestellten Scheck bezahlen. Aber diese Gefahr ließ sich für die Zukunft leicht ausschalten, indem ich bei einer anderen Bank ein Konto auf den Namen von Edward Hyde selbst eröffnete, und als ich, indem ich meine eigene Hand nach hinten schob, meinen Doppelgänger mit einer Unterschrift versehen hatte, glaubte ich, dem Schicksal entronnen zu sein.

Etwa zwei Monate vor der Ermordung von Sir Danvers war ich zu einem meiner Abenteuer ausgegangen, zu später Stunde zurückgekehrt, und am nächsten Tag mit einem etwas seltsamen Gefühl im Bett aufgewacht. Vergeblich schaute ich mich um; vergeblich sah ich die anständigen Möbel und die großen Proportionen meines Zimmers am Platz; vergeblich erkannte ich das Muster der Bettvorhänge und das Design des Mahagoni-Rahmens. Etwas beharrte immer noch darauf, dass ich nicht war, wo ich war, dass ich nicht dort aufgewacht war, wo ich zu sein schien, sondern in dem kleinen Zimmer in Soho, wo ich gewohnt war, im Körper von Edward Hyde zu schlafen. Ich lächelte vor mich hin und begann auf meine psychologische Art, die Elemente dieser Illusion zu erforschen, wobei ich gelegentlich sogar in einen angenehmen Morgenschlaf fiel. Ich war immer noch so beschäftigt, als in einem meiner wacheren Momente mein Blick auf meine Hand fiel. Nun war die Hand von Henry Jekyll (wie Sie schon oft bemerkt haben) von professioneller Form und Größe: Sie war groß, fest, weiß und anmutig. Aber die Hand, die ich jetzt im gelben Licht eines Londoner Morgens, halb geschlossen auf dem Bettzeug liegend, deutlich genug sah, war schlank, geschnürt, knöcherig, von düsterer Blässe und dicht mit einem dunklen Haarwuchs beschattet. Es war die Hand von Edward Hyde.

Ich muss wohl fast eine halbe Minute lang darauf gestarrt haben, versunken in der bloßen Dummheit des Staunens, bevor der Schrecken in meiner Brust so plötzlich und erschreckend wie ein Beckenschlag erwachte. Ich sprang vom Bett auf und eilte zum Spiegel. Bei dem Anblick, der sich mir bot, verwandelte sich mein Blut in etwas auserlesenes Dünnes und Eisiges. Ja, ich war als Henry Jekyll zu Bett gegangen und hatte Edward Hyde geweckt. Wie war das zu erklären? fragte ich mich, und dann, mit einem weiteren Anflug von Schrecken – wie sollte das wieder behoben werden? Es war schon früh am Morgen; die Dienerschaft war aufgestanden; alle meine Medikamente waren im Kabinett – ein langer Weg über zwei Treppenpaare, durch den hinteren Gang, über den offenen Hof und durch den Operationssaal, vor dem ich dann entsetzt stand. Es wäre zwar möglich, mein Gesicht zu verhüllen, aber was nützte das, wenn ich die Veränderung meiner Statur nicht verbergen konnte? Und dann fiel mir mit einer überwältigenden Süße der Erleichterung wieder ein, dass die Dienerschaft bereits an das Kommen und Gehen meines zweiten Ichs gewöhnt war. Bald hatte ich mich, so gut es ging, in Kleider meiner eigenen Größe gekleidet; bald war ich durch das Haus gegangen, wo Bradshaw starrte und zurückwich, weil er Mr. Hyde zu solcher Stunde und in so seltsamer Aufmachung sah, und zehn Minuten später hatte Dr. Jekyll wieder seine eigene Gestalt angenommen und saß mit verfinsterter Stirn da, um so zu tun, als würde er frühstücken.

Mein Appetit war in der Tat gering. Dieser unerklärliche Vorfall, diese Wendung meiner bisherigen Erfahrungen, schien wie der babylonische Finger an der Wand die Buchstaben meines Urteils zu buchstabieren, und ich begann, ernster als je zuvor über die Probleme und Möglichkeiten meines Doppellebens nachzudenken. Der Teil von mir, den ich zu projizieren vermochte, war in letzter Zeit viel trainiert und genährt worden. Es war mir in letzter Zeit so vorgekommen, als sei der Körper von Edward Hyde gewachsen, als sei ich mir (wenn ich diese Gestalt trug) einer großzügigeren Strömung des Blutes bewusst, und ich begann, die Gefahr zu erahnen, dass, wenn dies länger andauerte, das Gleichgewicht meiner Natur dauerhaft umgestoßen werden könnte, die Macht der freiwilligen Veränderung verloren ginge und der Charakter von Edward Hyde unwiderruflich der meine würde.

Die Kraft der Droge war nicht immer gleich stark ausgeprägt. Einmal, sehr früh in meiner Laufbahn, hatte sie mich völlig im Stich gelassen. Seitdem war ich mehr als einmal gezwungen gewesen, die Menge zu verdoppeln, und einmal, unter unendlicher Todesgefahr, sogar zu verdreifachen, und diese seltene Ungewissheit hatte bis jetzt den einzigen Schatten auf meine Zufriedenheit geworfen. Nun jedoch, im Lichte des Unfalls von heute Morgen, sah ich mich veranlasst, zu bemerken, dass die Schwierigkeit anfangs darin bestanden hatte, den Körper von Jekyll abzuwerfen, und dass sie sich in letzter Zeit, allmählich aber entschieden, auf die andere Seite verlagert hatte. Alles schien also darauf hinzudeuten, dass ich langsam mein ursprüngliches und besseres Selbst verlor und mich langsam mit meinem zweiten und schlechteren vereinigte.

Ich hatte nun das Gefühl, mich zwischen diesen beiden entscheiden zu müssen. Meine beiden Veranlagungen hatten das Gedächtnis gemeinsam, aber alle anderen Fähigkeiten waren höchst ungleich zwischen ihnen verteilt. Jekyll, mal mit den heikelsten Befürchtungen, mal mit gieriger Begeisterung, plante und teilte die Vergnügungen und Abenteuer von Hyde, aber Hyde war Jekyll gegenüber gleichgültig, oder er erinnerte sich an ihn, wie der Bergräuber sich an die Höhle erinnert, in der er sich vor der Verfolgung versteckt. Jekyll hatte mehr als nur das Interesse eines Vaters. Hyde hatte mehr als nur die Gleichgültigkeit eines Sohnes. Mein Schicksal mit Jekyll zu teilen, bedeutete, die Begierden zu begraben, denen ich lange Zeit heimlich gefrönt und die ich in letzter Zeit zu verwöhnen begonnen hatte. Es mit Hyde zu teilen bedeutete, tausend Interessen und Bestrebungen aufzugeben und mit einem Schlag und für immer verachtet und freundlos zu werden. Der Handel mochte ungleich erscheinen, aber es lag noch eine andere Überlegung in der Waagschale; denn während Jekyll in den Feuern der Enthaltsamkeit schwer leiden würde, wäre sich Hyde nicht einmal bewusst, was er alles verloren hätte. So seltsam meine Umstände auch waren, die Bedingungen dieser Debatte sind so alt und alltäglich wie die Menschheit. Dieselben Anreize und Alarme sind es, die für jeden versuchten und zitternden Sünder den Ausschlag geben, und wie bei der überwiegenden Mehrheit meiner Mitmenschen war es auch bei mir so, dass ich den besseren Teil wählte und es mir an Kraft fehlte, ihn zu halten.

Ja, ich zog den älteren und unzufriedenen Arzt vor, der von Freunden umgeben war und ehrliche Hoffnungen hegte, und ich nahm entschlossen Abschied von der Freiheit, der relativen Jugend, dem leichten Schritt, den sprunghaften Impulsen und den heimlichen Vergnügungen, die ich in der Verkleidung als Hyde genossen hatte. Ich traf diese Entscheidung vielleicht mit einem unbewussten Vorbehalt, denn ich gab weder das Haus in Soho auf, noch vernichtete ich die Kleider von Edward Hyde, die noch immer in meinem Kabinett bereitlagen. Zwei Monate lang blieb ich jedoch meinem Entschluss treu. Zwei Monate lang führte ich ein Leben von solcher Strenge, wie ich es nie zuvor erreicht hatte, und genoss die Entschädigungen eines wohlwollenden Gewissens. Aber die Zeit begann schließlich die Frische meines Schreckens zu verwischen. Die Lobpreisungen des Gewissens begannen zu einer Selbstverständlichkeit zu werden. Ich begann, von Qualen und Sehnsüchten gefoltert zu werden, als würde Hyde, nach Freiheit ringen, und schließlich, in einer Stunde moralischer Schwäche, mischte und schluckte ich den verwandelnden Trank erneut.

Ich glaube nicht, dass ein Trinker, wenn er mit sich selbst über sein Laster argumentiert, auch nur ein einziges von fünfhundert Malen von den Gefahren betroffen ist, die er durch seine brutale, körperliche Unempfindlichkeit eingeht. Auch ich hatte, wenn ich meine Lage bedachte, die völlige moralische Unempfindlichkeit und die unempfindliche Bereitschaft zum Bösen, die die Hauptmerkmale von Edward Hyde waren, nicht genügend berücksichtigt. Und doch wurde ich gerade dadurch bestraft. Mein Teufel war lange eingesperrt gewesen, er kam brüllend heraus. Ich war mir, sogar bei der Einnahme des Tranks, einer ungezügelteren, wütenderen Neigung zum Bösen bewusst. Das war es wohl, was in meiner Seele jenen Sturm der Ungeduld erregte, mit dem ich die Höflichkeiten meines unglücklichen Opfers anhörte. Ich erkläre, zumindest vor Gott, dass kein geistig gesunder Mensch sich bei einer so kläglichen Provokation dieses Verbrechens hätte schuldig machen können, und dass ich in keinem vernünftigeren Geist zuschlug als dem, in dem ein krankes Kind ein Spielzeug zerbricht. Aber ich hatte mich freiwillig all jener ausgleichenden Instinkte entledigt, durch die selbst der Schlimmste unter uns mit einem gewissen Grad an Standhaftigkeit zwischen den Versuchungen wandelt, und in meinem Fall bedeutete die Versuchung, wie gering sie auch sein mochte, zu fallen.

Augenblicklich erwachte der Geist der Hölle in mir und wütete. Mit einem Anflug von Frohsinn zerfleischte ich den widerstandslosen Körper und genoss jeden Schlag, und erst als die Müdigkeit überhand nahm, wurde ich auf dem Höhepunkt meines Deliriums plötzlich von einem kalten Schauer des Schreckens mitten ins Herz getroffen. Ein Nebel zerstreute sich. Ich sah mein Leben verwirkt, und floh vom Schauplatz dieser Exzesse, zugleich frohlockend und zitternd, meine Lust am Bösen befriedigt und stimuliert, meine Liebe zum Leben bis zum höchsten Zapfen geschraubt. Ich eilte zu dem Haus in Soho und vernichtete (um mich doppelt zu versichern) meine Papiere. Von dort aus ging ich durch die erleuchteten Straßen, in der gleichen gespaltenen Ekstase des Geistes, schadenfroh über mein Verbrechen, fantasierend andere in der Zukunft planend, und doch immer noch eilend und lauschend auf die Schritte des Rächers. Hyde hatte ein Lied auf den Lippen, als er den Trank zusammenstellte, und als er ihn trank, trank er auf den Toten. Die Schmerzen der Verwandlung hatten noch nicht aufgehört ihn zu zerreißen, als Henry Jekyll mit Tränen der Dankbarkeit und Reue auf die Knie fiel und seine gefalteten Hände zu Gott erhob. Der Schleier der Selbstnachsicht war von Kopf bis Fuß zerrissen. Ich sah mein Leben in seiner Gesamtheit. Ich verfolgte es von den Kindheitstagen an, als ich an der Hand meines Vaters gegangen war, und durch die selbstverleugnenden Mühen meines Berufslebens, um immer wieder mit demselben Gefühl der Unwirklichkeit bei den verdammten Schrecken des Abends anzukommen. Ich hätte laut schreien können. Ich versuchte, mit Tränen und Gebeten die Menge der abscheulichen Bilder und Geräusche zu ersticken, mit denen mein Gedächtnis mich überschwemmte, und immer noch starrte zwischen den Bitten das hässliche Gesicht meiner Schuld in meine Seele. Als die Schärfe dieser Gewissensbisse nachzulassen begann, wurde sie von einem Gefühl der Freude abgelöst. Das Problem meines Gebarens war gelöst. Hyde war von nun an unmöglich. Ob ich wollte oder nicht, ich war nun auf den besseren Teil meines Daseins beschränkt, und O, wie freute ich mich bei dem Gedanken daran! Mit welcher willigen Demut ich von neuem die Beschränkungen des natürlichen Lebens annahm! Mit welcher aufrichtigen Entsagung ich die Tür verschloss, durch die ich so oft gegangen und gekommen war, und den Schlüssel unter meinem Absatz zermalmte!

Am nächsten Tag kam die Nachricht, dass der Mord nicht übersehen worden war, dass die Schuld von Hyde für die Welt offenkundig war, und dass das Opfer ein Mann war, der in der Öffentlichkeit hohes Ansehen genoss. Es war nicht nur ein Verbrechen, es war eine tragische Torheit gewesen. Ich glaube, ich war froh, das zu wissen. Ich glaube, ich war froh, dass meine besseren Impulse durch die Schrecken des Schafotts gestärkt und geschützt wurden. Jekyll war jetzt meine Zufluchtsstadt. Ließ man Hyde nur einen Augenblick hervorlugen, so würden alle Menschen die Hände erheben, um ihn zu ergreifen und zu erschlagen.

Ich habe mir vorgenommen, durch mein künftiges Verhalten das Vergangene wiedergutzumachen, und ich kann mit Fug und Recht sagen, dass mein Entschluss Gutes bewirkt hat. Sie wissen selbst, wie ernsthaft ich mich in den letzten Monaten des vergangenen Jahres bemüht habe, Leiden zu lindern. Sie wissen, dass viel für andere getan wurde und dass die Tage für mich selbst ruhig und fast glücklich verliefen. Ich kann auch nicht behaupten, dass ich dieses wohltätige und unschuldige Leben satt hatte. Ich glaube vielmehr, dass ich es jeden Tag mehr genoss, aber ich war immer noch verflucht mit meiner Zwiespältigkeit. Und als die erste Schärfe meiner Reue nachließ, begann die niedere Seite in mir, die so lange gefrönt und vor kurzem in Ketten gelegt worden war, nach Erlaubnis zu schreien. Nicht, dass ich davon träumte, Hyde wiederzubeleben. Der bloße Gedanke daran würde mich in Raserei versetzen: nein, es war in meiner eigenen Person, dass ich wieder einmal versucht war, mit meinem Gewissen zu spielen, und es war als ein gewöhnlicher heimlicher Sünder, dass ich schließlich vor den Angriffen der Versuchung fiel.

Alles hat einmal ein Ende, auch das größte Maß ist einmal voll, und diese kurze Herablassung zu meinem Bösen hat schließlich das Gleichgewicht meiner Seele zerstört. Und doch war ich nicht beunruhigt. Der Sturz erschien mir natürlich, wie eine Rückkehr zu den alten Tagen, bevor ich meine Entdeckung gemacht hatte. Es war ein schöner, klarer Januartag. Feucht unter den Füßen, wo der Frost geschmolzen war, aber wolkenlos über dem Himmel, und der Regent’s Park war voll von Wintergezwitscher und süß von Frühlingsdüften. Ich saß in der Sonne auf einer Bank. Das Tier in mir leckte die Koteletts der Erinnerung. Die geistige Seite war ein wenig schläfrig und versprach anschließende Buße, war aber noch nicht bereit, damit zu beginnen. Schließlich, so überlegte ich, war ich wie meine Nachbarn, und dann lächelte ich und verglich mich mit anderen Menschen, verglich mein aktives gutes Wohlwollen mit der faulen Grausamkeit ihrer Vernachlässigung. Und im selben Augenblick dieses eitlen Gedankens überkam mich ein Unwohlsein, eine schreckliche Übelkeit und ein tödlicher Schauer. Diese verflüchtigten sich und ließen mich ohnmächtig zurück, und als die Ohnmacht ihrerseits nachließ, begann ich eine Veränderung in der Stimmung meiner Gedanken zu bemerken, eine größere Kühnheit, eine Verachtung der Gefahr, eine Lösung von den Fesseln der Verpflichtung. Ich blickte nach unten. Meine Kleider hingen formlos an meinen geschrumpften Gliedern. Die Hand, die auf meinem Knie lag, war knochig und behaart. Wieder einmal war ich Edward Hyde. Eben noch war ich mir des Respekts aller Menschen sicher gewesen: wohlhabend, geliebt – das Tischtuch lag im Esszimmer zu Hause bereit, und jetzt war ich die gewöhnliche Beute der Menschheit. Gejagt, obdachlos, ein bekannter Mörder, dem Galgen ausgeliefert.

Mein Verstand schwankte, aber er ließ mich nicht völlig im Stich. Ich habe mehr als einmal beobachtet, dass in meinem zweiten Charakter meine Fähigkeiten bis zu einem Punkt geschärft und mein Geist elastischer zu sein schien. So kam es, dass, wo Jekyll vielleicht erlegen wäre, Hyde sich der Bedeutung des Augenblicks gewachsen sah. Meine Medikamente befanden sich in einem der Schränke meines Kabinetts; wie sollte ich sie erreichen? Das war das Problem, das ich (meine Schläfen in den Händen zerquetschend) zu lösen versuchte. Die Tür zum Labor hatte ich geschlossen. Wenn ich versuchte, durch das Haus einzutreten, würden mich meine eigenen Bediensteten an den Galgen bringen. Ich sah, dass ich eine andere Hand brauchen würde, und dachte an Lanyon. Wie sollte ich ihn erreichen? Wie überreden? Angenommen, ich würde der Gefangennahme auf der Straße entgehen, wie sollte ich dann zu ihm vordringen? Und wie sollte ich, ein unbekannter und unliebsamer Besucher, den berühmten Arzt dazu bringen, das Arbeitszimmer seines Kollegen Dr. Jekyll zu durchwühlen? Dann erinnerte ich mich daran, dass mir von meiner ursprünglichen Rolle ein Teil geblieben war. Ich konnte mit meiner eigenen Hand schreiben, und sobald ich diesen zündenden Funken begriffen hatte, wurde der Weg, den ich gehen musste, von Anfang bis Ende erleuchtet.

Daraufhin ordnete ich meine Kleider, so gut ich konnte, und rief eine vorbeifahrende Droschke, um zu einem Gasthaus in der Portland Street zu fahren, an dessen Namen ich mich zufällig erinnerte. Bei meinem Anblick (der in der Tat komisch genug war, so tragisch das Schicksal auch sein mochte, das diese Kleider verhüllten) konnte der Fahrer seine Heiterkeit nicht verbergen. Ich fletschte die Zähne mit einem Anflug von teuflischer Wut, und das Lächeln verschwand aus seinem Gesicht – zum Glück für ihn – aber noch mehr zum Glück für mich, denn in einem weiteren Augenblick hatte ich ihn sicher von seinem Sitzplatz heruntergezerrt. Als ich in das Gasthaus eintrat, sah ich mich mit so finsterer Miene um, dass die Bediensteten zitterten. Sie wechselten in meiner Gegenwart keinen Blick, sondern nahmen unterwürfig meine Befehle entgegen, führten mich in ein Privatzimmer und brachten mir das nötige Material zum Schreiben. Hyde, der in Lebensgefahr schwebte, war eine mir unbekannte Kreatur, die von unbändiger Wut geschüttelt wurde, die bis zum Mord getrieben wurde und sich danach sehnte, Schmerz zuzufügen. Doch das Wesen war klug. Es beherrschte seine Wut mit einer großen Willensanstrengung. Es verfasste seine beiden wichtigen Briefe, einen an Lanyon und einen an Poole, und damit er einen tatsächlichen Beweis dafür erhielt, dass sie abgeschickt worden waren, schickte er sie mit der Anweisung ab, dass sie eingeschrieben werden sollten. Von da an saß er den ganzen Tag über dem Feuer im Privatzimmer und kaute an seinen Nägeln. Dort aß er zu Abend, allein mit seinen Ängsten sitzend, wobei der Kellner vor seinen Augen sichtlich zitterte, und von da an, als die Nacht vollends angebrochen war, setzte er sich in die Ecke einer geschlossenen Droschke und ließ sich durch die Straßen der Stadt hin und her fahren. Er, sage ich – ich kann nicht ich sagen. Dieses Kind der Hölle hatte nichts Menschliches; nichts lebte in ihm als Furcht und Hass. Und als er schließlich, weil er glaubte, der Kutscher werde misstrauisch, die Droschke verließ und sich zu Fuß, in seinen unpassenden Kleidern, einem Objekt der Beobachtung, mitten unter die nächtlichen Fahrgäste wagte, da tobten diese beiden niederen Leidenschaften in ihm wie ein Sturm. Er ging schnell, gejagt von seinen Ängsten, plapperte vor sich hin, schlich durch die weniger befahrenen Straßen und zählte die Minuten, die ihn noch von Mitternacht trennten. Einmal sprach ihn eine Frau an und bot ihm, glaube ich, eine Schachtel mit Schwefelhölzern an. Er schlug ihr ins Gesicht, und sie floh.

Als ich bei Lanyon zu mir kam, hatte mich das Entsetzen über meinen alten Freund vielleicht etwas berührt: Ich weiß es nicht. Es war jedenfalls nur ein Tropfen auf den heißen Stein, mit dem ich auf diese Stunden zurückblickte. Eine Veränderung war über mich gekommen. Es war nicht mehr die Angst vor dem Galgen, es war der Schrecken, Hyde zu sein, der mich quälte. Ich hatte Lanyons Verachtung zum Teil im Traum erfahren; zum Teil kam ich im Traum in mein eigenes Haus und legte mich ins Bett. Nach den Strapazen des Tages schlief ich in einem tiefen Schlaf, den nicht einmal die Albträume, die mich quälten, zu durchbrechen vermochten. Am Morgen erwachte ich erschüttert, geschwächt, aber erfrischt. Ich hasste und fürchtete noch immer den Gedanken an die Bestie, die in mir schlief, und ich hatte natürlich die schrecklichen Gefahren des Vortages nicht vergessen, aber ich war wieder zu Hause, in meinem eigenen Haus und in der Nähe meiner Medikamente, und die Dankbarkeit für meine Flucht leuchtete so stark in meiner Seele, dass sie fast mit dem Glanz der Hoffnung wetteiferte.

Nach dem Frühstück schritt ich gemächlich über den Hof und genoss die kühle Luft, als mich wieder jenes unbeschreibliche Gefühl überkam, das den Wechsel ankündigte, und ich hatte nur Zeit, mich in den Schutz meines Kabinetts zu flüchten, bevor ich wieder von den Leidenschaften des Hyde übermannt wurde. Es bedurfte bei dieser Gelegenheit einer doppelten Dosis, um mich wieder zu mir selbst zu bringen – und leider! sechs Stunden später, als ich traurig ins Feuer schaute, kehrten die Schmerzen zurück, und das Mittel musste erneut verabreicht werden. Kurzum, von diesem Tag an schien es mir, dass ich nur durch eine große gymnastische Anstrengung und nur unter der unmittelbaren Stimulierung der Droge in der Lage war, das Antlitz von Jekyll zu tragen. Zu jeder Tages- und Nachtzeit überkam mich das warnende Schaudern; vor allem, wenn ich schlief oder auch nur einen Augenblick in meinem Stuhl döste, erwachte ich immer als Hyde. Unter der Last dieses ständig drohenden Unheils und durch die Schlaflosigkeit, zu der ich mich nun verdammte – ja, die über das hinausging, was ich dem Menschen für möglich gehalten hatte – wurde ich in meiner eigenen Person zu einem vom Fieber zerfressenen und entleerten Wesen, das sowohl körperlich als auch geistig schwach war und nur noch einen Gedanken hatte: das Grauen vor meinem anderen Ich. Aber wenn ich schlief oder die Wirkung der Medizin nachließ, sprang ich fast übergangslos (denn die Schmerzen der Verwandlung wurden von Tag zu Tag schwächer) in den Besitz einer Fantasie, die vor Schreckensbildern strotzte, einer Seele, die vor grundlosem Hass kochte, und eines Körpers, der nicht stark genug schien, um die tobenden Energien des Lebens zu bändigen. Die Kräfte von Hyde schienen mit der Kränklichkeit von Jekyll gewachsen zu sein. Und sicherlich war der Hass, der sie nun trennte, auf beiden Seiten gleich groß. Bei Jekyll war es eine Sache des Lebensinstinkts. Er hatte nun die volle Entstellung jenes Geschöpfes gesehen, das mit ihm einige Phänomene des Bewusstseins teilte und mit ihm bis zum Tode zusammen war. Und jenseits dieser Verbindungen der Gemeinschaft, die an sich den ergreifendsten Teil seines Leids ausmachten, dachte er an Hyde, trotz seiner Lebenskraft, als an etwas nicht nur Höllisches, sondern Anorganisches. Das war das Schockierende daran; dass der Schleim der Grube zu schreien und zu sprechen schien; dass der amorphe Staub gestikulierte und sündigte; dass das Tote, das keine Gestalt hatte, sich die Ämter des Lebens aneignete. Und dies wiederum, dass das aufrührerische Grauen ihm näher war als eine Frau, näher als ein Auge. Es lag in seinem Fleisch, wo er es murmeln hörte und fühlte, wie es um seine Geburt kämpfte, und in jeder Stunde der Schwäche und in der Zuversicht des Schlummers obsiegte es gegen ihn und stieß ihn aus dem Leben. Der Hass von Hyde auf Jekyll war von einer anderen Art. Sein Schrecken vor dem Galgen trieb ihn immer wieder dazu, vorübergehend Selbstmord zu begehen und zu seiner untergeordneten Stellung einer Rolle statt einer Person zurückzukehren, aber er verabscheute die Notwendigkeit, er verabscheute die Niedergeschlagenheit, in die Jekyll nun verfiel, und er ärgerte sich über die Abneigung, mit der er selbst betrachtet wurde. Daher die affenartigen Streiche, die er mir spielte, indem er eigenhändig Lästerungen auf die Seiten meiner Bücher kritzelte, die Briefe verbrannte und das Porträt meines Vaters zerstörte, und in der Tat, hätte er sich nicht vor dem Tod gefürchtet, so hätte er sich längst selbst ruiniert, um mich in den Ruin zu ziehen. Aber seine Liebe zu mir ist wunderbar. Ich gehe noch weiter: Ich, der ich bei dem bloßen Gedanken an ihn erkranke und erstarre, wenn ich mir die Abscheulichkeit und Leidenschaft dieser Anhänglichkeit ins Gedächtnis rufe, und wenn ich weiß, wie sehr er meine Macht fürchtet, ihn durch Selbstmord abzuschneiden, finde ich es in meinem Herzen, ihn zu bemitleiden.

Es ist müßig diese Schilderung fortzusetzen, und die Zeit lässt mich furchtbar im Stich. Niemand hat je solche Qualen erlitten. Und doch brachte die Gewohnheit selbst zu diesen – nein, nicht Linderung – aber eine gewisse Seelenruhe, eine gewisse Duldung der Verzweiflung. Meine Strafe hätte noch jahrelang andauern können, wenn nicht das letzte Unglück eingetreten wäre, das mich endlich von meinem eigenen Gesicht und Wesen getrennt hat. Mein Vorrat an Salz, der seit dem ersten Versuch nie erneuert worden war, begann sich zu erschöpfen. Ich schickte nach einem neuen Vorrat und mischte den Trank. Es folgte das Sieden und die erste Veränderung der Farbe, nicht jedoch die zweite; ich trank es und es war ohne Wirkung. Ihr werdet von Poole erfahren, wie ich London durchwühlt habe. Es war vergeblich. Ich bin jetzt überzeugt, dass mein erster Vorrat unrein war, und dass es diese unbekannte Unreinheit war, die dem Trank seine Wirksamkeit verlieh.

Ungefähr eine Woche ist vergangen, und ich beende diese Erklärung jetzt unter dem Einfluss des letzten der alten Pulver. Dies ist also das letzte Mal, dass Henry Jekyll, abgesehen von einem Wunder, seine eigenen Gedanken denken oder sein eigenes Gesicht (jetzt, wie traurig verändert!) im Glas sehen kann. Ich darf auch nicht zu lange zögern, mein Schreiben zu beenden; denn wenn meine Erzählung bisher der Zerstörung entgangen ist, so war es eine Kombination von großer Vorsicht und großem Glück. Sollten mich die Wirren des Wandels im Akt des Schreibens ergreifen, wird Hyde sie in Stücke reißen. Sollte aber einige Zeit verstrichen sein, nachdem ich sie niedergelegt habe, so wird seine wunderbare Selbstsucht und die Beschränkung auf den Augenblick sie wahrscheinlich noch einmal vor dem Wirken seiner affenartigen Bosheit retten. Und in der Tat hat das Schicksal, das sich uns beiden nähert, ihn bereits verändert und gebrochen. Ich weiß, wie ich in einer halben Stunde, wenn ich diese verhasste Persönlichkeit wieder und für immer einnehmen soll, zitternd und weinend in meinem Stuhl sitzen oder mit der angestrengtesten und ängstlichsten Ekstase des Zuhörens weiterhin in diesem Zimmer (meinem letzten irdischen Zufluchtsort) auf und ab gehen und jedem Laut der Bedrohung Gehör schenken werde. Wird Hyde auf dem Schafott sterben? Oder wird er den Mut finden, sich im letzten Moment zu befreien? Gott weiß es. Ich bin ohne Sorge. Dies ist meine wahre Todesstunde, und was folgen wird, betrifft einen anderen als mich selbst. Hier also, während ich die Feder niederlege und mein Geständnis zu versiegeln beginne, beende ich das Leben des unglücklichen Henry Jekyll.